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Frauenbewegung

Die Frauenbewegung als politische und soziale Bewegung umfasst alle Versuche und Initiativen von Frauen, ihre spezifischen Interessen organisiert zu vertreten und ihrer Benachteiligung auf politischem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet entgegenzuwirken. Der Kampf um Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsbefugnissen verbindet sich häufig mit dem Ziel, die geschlechtsspezifische Rollenzuweisung und Arbeitsteilung aufzuheben. Im Verlauf der Geschichte ist der Zusammenhang der Frauenbewegung mit den bürgerlichen und sozialistischen Befreiungsbewegungen immer wieder erkennbar.

Emmeline Pankhurst und ihre Tochter Christabel

Anfänge in Frankreich und Großbritannien

Das Persönlichkeitsideal der europäischen Aufklärung vom freien, selbstbestimmten Individuum und Bürger und die politischen Leitprinzipien der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) bildeten den programmatischen Bezugspunkt der ersten Frauenbewegung, die im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert in den westeuropäischen Nationen (fast gleichzeitig auch in den USA) entstand. An die Proklamation der Menschenrechte hefteten sich die Hoffnungen der französischen Revolutionärinnen, die jedoch bald erkennen mussten, dass mit Menschenrechten »Männerrechte« gemeint waren. Auf diesen Widerspruch wies Olympe de Gouges mit ihrem 1791 veröffentlichten und dem Nationalkonvent vorgelegten Gegenmanifest »Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne« hin, worin erstmals in der Geschichte die völlige rechtliche, politische und soziale Gleichstellung der Frau gefordert wurde. Der Aufbruch der revolutionären Frauen in neue politische und gesellschaftliche Aktionsräume, ihr Versuch, sich autonom zu organisieren (politische Frauenklubs, -vereinigungen, -zeitschriften) scheiterte am massiven Widerstand der jakobinischen Fraktion des Nationalkonvents, die alle Frauen, die sich außerhalb des kontrollierbaren Raumes von Ehe und Familie betätigten, als potenzielle Feindinnen der französischen Republik betrachtete.

Suffragetten im Januar 1908, die sich selbst an das Außengeländer von Downing Street No 10 angekettet haben, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Wie Olympe de Gouges legte in Großbritannien Mary Wollstonecraft (verheiratete Godwin) mit ihrem Buch »A vindication of the rights of a woman« (1792) ein leidenschaftliches Plädoyer für die soziale und rechtliche Gleichstellung der Frau vor. Ihr Manifest, das bereits 1796 in Frankreich, Deutschland, Italien und den USA erschien, wurde in der Folgezeit zu einem Grundlagentext der Frauenbewegung.

In den frühen 1830er-Jahren entstand in Frankreich eine radikalfeministische Frauenbewegung, die aus den utopischen Gesellschaftstheorien des Frühsozialismus, besonders der sozialreformerischen Lehre des Saint-Simonismus, die Idee der Selbstbefreiung der Frau ableitete. Die »neuen Frauen« organisierten sich als autonome Bewegung in Frauen- und Berufskollektiven wie »La femme nouvelle«, gründeten eigene Zeitungen wie »La femme libre« und veröffentlichten zahlreiche Schriften, in denen Frauen wie Claire Démar (* 1799 oder 1780, † 1833)Eugénie Niboyet (* 1797, † 1883)Suzanne Voilquin die doppelte, geschlechtliche wie ökonomische Unterdrückung der Proletarierinnen anprangerten, zur legalisierten Gewalt in der Ehe und zur Prostitution Stellung nahmen, das Thema der Frauenbildung aufgriffen und männliche Doppelmoral kritisierten. Im gleichen Zeitraum machte George Sand die soziale und die Frauenfrage zum Thema ihres schriftstellerischen Werks.

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Internationale Ausbreitung seit Mitte des 19. Jahrhunderts

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Frauenbewegung zu einem Phänomen von übernationaler Bedeutung. Die amerikanische Frauenbewegung ging aus dem Kampf für die Sklavenbefreiung hervor. Die erste »Female Anti-Slavery Society« wurde 1833 in Philadelphia gegründet, wo Frauen wie die Schwestern Angelina (* 1805, † 1879) und Sarah Grimké (* 1792, † 1873) für die Freilassung der schwarzen Sklaven und die Befreiung der Frau als »Haussklavin« plädierten. Als Geburtsstunde der organisierten Frauenbewegung in Amerika gilt die 1848 nach dem Vorbild der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung in Seneca Falls (N. Y.) verabschiedete »Declaration of Sentiments and Resolutions«, in der die Forderung nach dem Frauenstimmrecht mit einer scharfen Kritik am patriarchalischen Despotismus verbunden wurde. Nach 1848 gehörte die Forderung nach gleichberechtigter Teilhabe an Bildungs- und Berufsmöglichkeiten, nach dem Scheidungsrecht, der rechtlichen Gleichstellung der Frau und dem Frauenstimmrecht zum unumstrittenen Konsens der amerikanischen Frauenbewegung, während in der Frage der Sexualmoral kontroverse Positionen bezogen wurden. Trotz der nicht abreißenden Stimmrechtskampagnen, die u. a. von der 1890 gegründeten »National American Woman Suffrage Association« (NAWSA) und der 1913 nach dem Vorbild der britischen Suffragetten gegründeten »Congressional Union« organisiert wurden, erhielten Frauen erst 1920 das aktive und passive Wahlrecht. – In Großbritannien setzte die organisierte Frauenbewegung in der Mitte der 1860er-Jahre ein. 1867 beantragte J. S. Mill als erster Abgeordneter im britischen Parlament das aktive und passive Wahlrecht für Frauen. Im gleichen Jahr entstand die »National Society for Women’s Suffrage«. Mit dem 1869 publizierten Werk »On the subjection of women« schufen seine Verfasser J. S. MillHarriet Taylor Mill (* 1807, † 1858) und Helen Mill (* 1831, † 1907) ein klassisches Dokument feministischer Literatur, das mit seiner Analyse patriarchalischer Denk- und Gefühlsmuster bis in die Frauenbewegung der Gegenwart hineinwirkte. Einen Höhepunkt frauenkämpferischer Aktivitäten bildete die um die Wende zum 20. Jahrhundert von den weiblichen Mitgliedern der Pankhurst-Familie ins Leben gerufene Suffragettenbewegung. Anders als die »National Union of Women’s Suffrage Societies« (NUWSS) setzte die von Emmeline Pankhurst gegründete »Women’s Social and Political Union« (WSPU) auf spektakuläre, öffentliche Aktionen (Großdemonstrationen mit mehreren 100 000 Teilnehmern zwischen 1908 und 1913, Hungerstreik, Steuerboykott, Selbstankettung, Sprengung politischer Versammlungen, Gewalt gegen Sachen). Die von Emmeline Pankhurst entwickelte Form des zivilen Ungehorsams verschaffte der britischen Frauenbewegung eine beispiellose Publizität und Breitenwirkung.

Im Gegensatz zur saint-simonistischen Frauenbewegung der 1830er-Jahre stand für die eng mit den Zielen der französischen Februarrevolution von 1848 verbundene französische Frauenbewegung die materielle Lage der Arbeiterinnen und die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht für Frauen im Vordergrund. Dagegen wurde die traditionelle Form der Ehe und Familie und der Geschlechterbeziehung nicht infrage gestellt. Im Verlauf der weiteren Entwicklung setzte sich in großen Teilen der französischen Arbeiterbewegung die von P. J. Proudhon beeinflusste frauenfeindliche Überzeugung durch, dass Sozialismus und Feminismus unvereinbar seien. Aber auch der nach 1870 erstarkten bürgerlichen Frauenbewegung, die sich v. a. für das Frauenstimmrecht und die Revision der frauendiskriminierenden Bestimmungen des Code civil einsetzte, blieben größere Erfolge verwehrt. Die Linksparteien der Dritten Republik lehnten das Wahlrecht für Frauen mit dem Hinweis auf die klerikal geprägte, politisch unmündige Mentalität der Französinnen ab.Trotz vereinzelter Stimmen, die sich in Deutschland für das Recht der Frau auf Bildung und Gleichbehandlung aussprachen (T. von HippelAmalie Holst [* 1758, † 1829], Vertreter der deutschen Frühromantik und des »Jungen Deutschland«), bildete erst die Revolution von 1848 den Auftakt für die Entstehung einer deutschen Frauenbewegung. Die Ansätze dieser ersten, in lokalen Vereinen organisierten und durch ein überregionales Publikationsorgan, »Die Frauen-Zeitung«, verknüpften Frauenbewegung sind eng mit der Person von Louise Otto (später Otto-Peters) verbunden. Wie auch andere Frauen, die sich aktiv für die Sache der Revolution engagiert hatten, erkannte L. Otto, dass Frauen in die Forderungen der Republikaner nach politischer und sozialer Gleichheit nicht einbezogen wurden und es eine gesonderte »Frauenfrage« gab. Aus dieser Erkenntnis heraus plädierte sie für die »Teilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben«, am »Werk der Welterlösung«, beharrte jedoch auf der prinzipiellen, naturgegebenen Bindung aller Frauen an Familie und Mutterschaft.

Mit der Gründung des »Allgemeinen Deutschen Frauenvereins« (ADF) durch L. Otto-Peters und Auguste Schmidt im Jahr 1865 setzte die kontinuierliche Entwicklung der deutschen Frauenbewegung ein. Im Unterschied zur Pionierzeit des Vormärz traten bis in die 1890er-Jahre statt politischer Fragen praktische Nahziele wie die »Bildungs- und Erwerbfrage« in den Vordergrund. Obwohl sich die Aktivitäten der zahlreichen dem ADF assoziierten Frauenvereine auf ehrenamtliche Sozialarbeit für Frauen und Kinder der Unterschicht konzentrierten, war das eigentliche Ziel des ADF wie des einflussreichen, 1890 von Helene Lange gegründeten »Allgemeinen Deutschen Lehrerinnen-Vereins« der Ausbau der höheren Bildung für Frauen, ihre Zulassung zum Universitätsstudium und zu den akademischen Berufen. Mit dem Zusammenschluss der zahlenmäßig wachsenden, aber programmatisch zunehmend divergierenden Frauenvereine zum »Bund Deutscher Frauenvereine« (BDF) im Jahr 1894 trat die deutsche Frauenbewegung in eine neue Phase ein. War die »Frauenfrage« bis in die 1880er-Jahre primär als Bildungs- und Berufsproblem interpretiert worden, so verlagerte sich in den folgenden Jahrzehnten die Diskussion auf neue Themen wie die »Sittlichkeitsfrage« (Prostitution, Stellung der ledigen Mütter), die »neue Ethik« (Rehabilitierung der Sexualität, frei gewählte Mutterschaft, Kontrazeption, Abschaffung der §§ 218 f. des 1871 erlassenen Reichsstrafgesetzbuches) und das Frauenstimmrecht. Die Auseinandersetzung um diese Zielvorstellungen, die vom radikalen Flügel der Frauenbewegung (Hedwig DohmHelene StöckerLida Gustava Heymann [* 1868, † 1943], Minna CauerAnita Augspurg) verfochten wurden, bestimmten die beiden kämpferischsten Jahrzehnte der deutschen Frauenbewegung und prägten ihr Bild in der Öffentlichkeit. Zu dem gemäßigten und dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung trat gegen Ende des 19. Jahrhunderts die konfessionelle Frauenbewegung: »Deutsch-Evangelischer Frauenbund« (DEFB), 1899; »Katholischer Frauenbund Deutschlands« (KFD), 1904. Diese versuchten v. a., durch Karitas und Sozialfürsorge Frauen der Unterschicht in christliche Ethik, Familien- und Ehemoral einzubinden.

Entwicklung in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

In den 1890er-Jahren kam es innerhalb der deutschen Frauenbewegung nicht nur zu einer Flügelbildung zwischen gemäßigten, konservativen und radikalen Frauenvereinen, sondern auch zu einer Abspaltung der sozialistisch-proletarischen von der bürgerlichen Frauenbewegung. Seitdem die bürgerliche Frauenbewegung zunehmend proletarische Frauen lediglich als Objekt der Karitas betrachtete, orientierten sich diese verstärkt an den politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der männlichen Arbeiter und schufen eigene Interessenvertretungen (Arbeiterinnenvereine). Die Auseinandersetzung um die Frage der industriellen Frauenarbeit bestimmte auch in Deutschland den Anfang der proletarischen Frauenbewegung. Große Teile der Arbeiterschaft und ihrer politischen Führer lehnten zunächst weibliche Erwerbstätigkeit als sozialen Missstand (»Schmutzkonkurrenz«, »Lohndrückerei«, Gefährdung der proletarischen Familie) ab. Eine wichtige Rolle bei der Überwindung des »proletarischen Antifeminismus« spielte A. Bebels Buch »Die Frau und der Sozialismus« (1883). Führerin und Theoretikerin der proletarischen Frauenbewegung war Clara Zetkin. Programmatisch für das offizielle Emanzipationsverständnis der frühen SPD wurde ihre 1898 auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris gehaltene Rede »Für die Befreiung der Frau«, in der sie sich für das Recht der Frau auf uneingeschränkte Erwerbstätigkeit als notwendige Voraussetzung ihrer Emanzipation einsetzte. 1914 war die sozialdemokratische Frauenbewegung Deutschlands mit 175 000 Mitgliedern weltweit die größte sozialistisch-proletarische Frauenbewegung. Im Unterschied zur bürgerlichen Frauenbewegung kämpfte sie in erster Linie für die Befreiung der proletarischen Frau von ökonomischer Unterdrückung im Kapitalismus. Zum Kern ihres theoretischen Selbstverständnisses gehörte die Auffassung, dass die Klassenfrage der Frauenfrage übergeordnet sei und die Emanzipation der Frau erst nach der Veränderung der Eigentumsverhältnisse im Sozialismus erfolgen könne. Deshalb lehnte Clara Zetkin eine klassenübergreifende Zusammenarbeit zwischen proletarischer und bürgerlicher Frauenbewegung ab.

Auch in der UdSSR entstand im Zusammenhang in der Folge der Oktoberrevolution unter Führung von Alexandra Michailowna Kollontai eine starke proletarische Frauenbewegung, die für die Abschaffung des extrem patriarchalisch geprägten zaristischen Familien- und Eherechts, für eine grundlegende Verbesserung der sozialen Lage der Frau (Mutterschutz, Vergesellschaftung der Hausarbeit, Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs u. a.) und eine neue Geschlechtermoral (»Neue Moral«) kämpfte.Zwischen 1900 und 1915 hatte sich die Frauenbewegung durch übernationale Zusammenschlüsse und gemeinsame Initiativen zu einer internationalen Massenbewegung entwickelt. Der Internationale Frauenbund war in dieser Zeit mit 8 Mio. Mitgliedern die größte internationale Organisation. Die proletarische Frauenbewegung hatte sich dem Weltbund nicht angeschlossen, besaß aber ebenso weitreichende internationale Zusammenschlüsse (»Sozialistische Fraueninternationale«). Eine wesentliche Ursache für den Niedergang der Frauenbewegung während des Ersten Weltkriegs war die unterschiedliche Haltung zum Kriegseintritt, die die gesamte Frauenbewegung in zwei unversöhnliche Lager spaltete, das der Kriegsgegnerinnen, die sich für internationale Verständigung einsetzten, und das der nationalistisch eingestellten Kriegsbefürworterinnen. Schon ein Jahr vor Kriegsbeginn hatte sich der BDF aus den Gremien der internationalen Frauenbewegung, die eine Friedenspolitik begünstigten, zurückgezogen, um nach 1914 zusammen mit großen Teilen der proletarischen Frauenbewegung den »Nationalen Frauendienst« zu organisieren. Frauen wie Helene LangeGertrud Bäumer und Lily Braun forderten, dass im »Nationalen Frauendienst« alle Grundsatzziele der Frauenbewegung zugunsten des patriotischen Dienstes des »Weibes« für das Vaterland zurücktreten sollten. Die Kriegseuphorie spaltete auch die Frauenbewegung in den übrigen Krieg führenden Nationen. Auf der anderen Seite bildete sich, die Tradition des feministischen Pazifismus fortführend, eine internationale Frauen-Antikriegsbewegung, deren wichtigstes Organ die 1915 in den USA gegründete »Women’s Peace Party« war. Auch in der proletarischen Frauenbewegung wuchs in den Vorkriegsjahren das antimilitaristische und pazifistische Engagement, das Frauen wie Clara ZetkinRosa Luxemburg und Luise Zietz (* 1865, † 1922)nach 1914 in Opposition zur Mehrheitsfraktion der Sozialdemokratie brachte. Einige Vertreterinnen der Mehrheitssozialdemokratie konzentrierten sich auf praktische sozialpolitische Belange der Frauen, z. B. Marie Juchacz, die Begründerin der Arbeiterwohlfahrt, die sich als Abgeordnete in der Weimarer Nationalversammlung für die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Frau einsetzte. Eine weitere Ursache für den Niedergang der internationalen Frauenbewegung lag in der Tatsache begründet, dass mit der Erlangung des Frauenwahlrechts (z. B. Finnland 1906, Norwegen 1913, Dänemark 1915, Russland 1917, Deutschland 1918, USA 1920, Schweden 1921, Großbritannien 1928, Frankreich 1944) eine zentrale Forderung der Frauenbewegung eingelöst war. In Deutschland bedeutete die nationalsozialistische Machtergreifung das vorläufige Ende der Frauenbewegung. Der BDF löste sich auf, viele Vertreterinnen des radikalen Flügels gingen in die Emigration.

Die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg

Von einer aktiven, politisch brisanten und mobilisierungsfähigen Frauenbewegung konnte in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland ebenso wenig die Rede sein wie in der Weimarer Republik. Obwohl die alte, drei Generationen umfassende Frauenbewegung über konkrete politische, rechtliche und berufliche Forderungen hinaus auch umfassendere gesellschaftliche Reformvorstellungen entwickelt hatte, war ihre eigentliche Blütezeit vorbei, als Frauen ausreichende Erwerbsmöglichkeiten offenstanden und die formale Gleichberechtigung weitgehend durchgesetzt war. Vor diesem Hintergrund sind Zielsetzung und Selbstverständnis der »Neuen Frauenbewegung« zu sehen, die Ende der 1960er-Jahre im Zusammenhang mit der amerikanischen Bürgerrechts- und der westeuropäischen Studentenbewegung entstand. Ausgangspunkt und Modell der »Neuen Frauenbewegung« war der amerikanische Feminismus, der als politische Bewegung in den Jahren 1967/68 den Anstoß für das Aufkommen von Frauenbewegungen in fast allen Ländern West- und Mitteleuropas, seit Mitte der 70er-Jahre auch in zahlreichen Ländern der Dritten Welt gab. Im Unterschied zu ihrer historischen Vorläuferin verstand sich die »Neue Frauenbewegung« nicht in erster Linie als eine Frauenrechts-, sondern als eine feministisch motivierte Frauenbefreiungsbewegung (z. B. »Women’s Liberation Movement«, »Mouvement de libération des femmes«, »Movimiento feminista«). Ihr radikal-oppositionelles Selbstverständnis gründete auf der Überzeugung, dass nur durch eine tief gehende Veränderung der Bewusstseins- und Verhaltensweisen, der Lebens- und Arbeitsformen der Widerspruch zwischen formalrechtlicher Gleichstellung und anhaltender gesellschaftlicher Diskriminierung und Unterdrückung der Frau zu lösen sei. Einigkeit herrschte innerhalb der »Neuen Frauenbewegung« darüber, dass Frauen den Kampf um ihre Befreiung autonom, d. h. unabhängig von parteipolitischer und konfessioneller Bindung führen müssten.

Den historischen Ausgangspunkt der Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland bildeten die v. a. von Alice Schwarzer initiierten Aktionen für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, bei denen sich Frauen verschiedenster Alters-, Sozial- und Berufsgruppen zusammenfanden und ihre gemeinsame, geschlechtsspezifische Betroffenheit und Interessenidentität demonstrierten. Die durch Einführung der Indikationsregelung beim Schwangerschaftsabbruch (1976) zurückgedrängten Reformbestrebungen führten in der Folgezeit dazu, dass sich innerhalb der Frauenbewegung unterschiedliche Zielvorstellungen und Strategien herausbildeten. Die autonomen Frauengruppen betrieben aktiv den Ausbau eines eigenen Kommunikationssystems (z. B. Frauenzentren, -verlage, -forschungseinrichtungen) und schufen ein weit gespanntes Netz von Selbsthilfeprojekten (z. B. Frauenhäuser, Selbsterfahrungsgruppen). Die vielfältigen Initiativen der Frauenprojektbewegung bildeten den Ansatz für die Entstehung einer autonomen weiblichen Gegenkultur, die für die 1970er- und 1980er-Jahre prägend wurde. Als Teil der Alternativbewegung engagierten sich Frauen aus der autonomen Frauenbewegung in der Ökologie-, der Antiatomkraft-, der Friedensbewegung und bei den Grünen. Auch die in Parteien und Gewerkschaften organisierten Frauen begannen nach 1975 aktiver, Frauenanliegen zu vertreten (z. B. »Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen«, Frauenausschüsse der Gewerkschaften und die als nicht feministische, autonome Organisation von Frauen gegründete »Demokratische Fraueninitiative«).

Wenngleich die »Neue Frauenbewegung« in den 1990er-Jahren ihren Höhepunkt überschritten hatte, ist es ihr gelungen, Frauenanliegen politikfähig zu machen, Denkanstöße in die politische Kultur und gesellschaftliche Moral hineinzutragen und auch breite soziale Schichten für ihre Forderungen und Wertvorstellungen zu sensibilisieren.

In der DDR sowie in den anderen ehemals sozialistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas gab es keine der westlichen vergleichbare Frauenbewegung. Vor dem Hintergrund einer politisch gewünschten möglichst hohen Frauenerwerbsquote waren hier wesentliche Ziele der westlichen »Neuen Frauenbewegung« gesetzlich verankert beziehungsweise in beträchtlichem Ausmaß großzügiger geregelt (u. a. besondere Förderung von Frauen in Bildung und Beruf, Abtreibungs-, Familien-, Scheidungs- und Arbeitsrecht). Die Lage der Frauen war ambivalent: Ihr Recht auf Berufsarbeit war zugleich eine staatlich verordnete Pflicht, als Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen, wobei sie schlechtere Karriere- und Verdienstchancen hatten als Männer. Familienpolitik bezog sich überwiegend auf die Förderung und den besonderen Schutz von Müttern, sie war kein »Geschenk« an die Frauen, sondern von politischen Interessen geleitet. Frauen füllten in letztlich traditionellen Lebenszusammenhängen (dabei insbesondere Partnerschaftsstrukturen) die ihnen zugewiesene Rolle aus. Die Erkenntnis, dass trotz wichtiger gesetzlicher Regelungen keine gleichberechtigten Lebenssituationen von Frauen und Männern gegeben waren, hat seit den 1990er-Jahren auch in diesen Ländern das feministische Bewusstsein geschärft und Frauen zu entsprechendem politischem Engagement bewegt.

 

Artikel aus der Brockhaus Enzyklopädie.

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