Kiew

Kiew, Kiev, ukrainisch Kyjiw [ˈkejɪv], Kyïv [ˈkejɪv], Hauptstadt der Ukraine sowie des Gebiets Kiew, beiderseits des Dnjepr, (2021) 2,96 Mio. Einwohner (etwa 94 % Ukrainer, 5 % Russen); die Agglomeration umfasst rund 4,1 Mio. Einwohner.

Andreaskirche in Kiew. Die Kirche am Andreassteig in Kiew wurde 1747-52 auf Anordnung der Zarin Elisabeth von ihrem Hofarchitekten Bartolomeo Francesco Rastrelli erbaut.

 

Die Stadt ist wirtschaftliches, wissenschaftliches, geistliches und kulturelles Zentrum der Ukraine mit sechs bedeutenden Universitäten (Mohyla-Akademie seit 1632 und wieder 1992; Nationale Universität seit 1834; Nationale Technische Universität seit 1898; Nationale Wirtschaftsuniversität seit 1906; Nationale Universität für Bauwesen und Architektur seit 1930; Nationale Universität für Handel und Wirtschaft seit 2000), über 90 weiteren Hochschulen und höheren Bildungseinrichtungen, dem Hauptsitz der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, mehr als 300 Forschungsinstituten, über 20 Buchverlagen, Bibliotheken, etwa 40 Museen, sieben Theatern, Goethe-Institut, Planetarium, zoologischem Garten und zwei Botanischen Gärten sowie mehreren Film- und Fernsehstudios. Kiew ist Sitz der Metropoliten der drei Ukrainischen Orthodoxen Kirchen (des Moskauer Patriarchats, des Kiewer Patriarchats und der Autokephalen Kirche) sowie (seit August 2005) des Großerzbischofs der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche.

Als wichtigstes Wirtschaftszentrum der Ukraine besitzt Kiew eine Vielzahl Banken und ausländischer Wirtschaftsvertretungen sowie Unternehmen einer vielseitigen Industrie: Maschinenbau (elektronisch-feinmechanischer Gerätebau, Schiff-, Baumaschinen- und Flugzeugbau), chemische, pharmazeutische, Bau-, Leicht- und Nahrungsmittelindustrie. Auch die Energiewirtschaft hat große Bedeutung. Nördlich von Kiew entstand 1964–66 der 110 km lange, bis 12 km breite Kiewer Stausee des Dnjepr mit Wasserkraftwerk (360 MW) und Pumpspeicherwerk (225 MW). Kiew ist das führende Handelszentrum der Ukraine, Standort der Börse und Ausrichter internationaler Fachmessen.

Die Stadt ist ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt mit Hafenanlagen auch für kleinere Seeschiffe sowie drei Flughäfen (internationale Flüge in Boryspil sowie Schuljany; Frachtflughafen Hostomel). Die Untergrundbahn wurde 1960 eröffnet.

Kiew. Weite Brücken überspannen den mächtigen Dnjepr bei Kiew.

 

Michaelskloster. Das Kloster am Michaelplatz in Kiew ist Sitz der Orthodoxen Kirche der Ukraine.

 

Bunte Häuser in Kiew. Bunte Häuserfassaden in einem Neubaugebiet der Stadt Kiew. Die Hauptstadt der Ukraine ist das kulturelle Zentrum des Landes.

 

 

 

Stadtbild

Erst nach dem 17. Jahrhundert wuchsen die ältesten, westlich des Dnjepr liegenden Teile von Kiew zusammen: die Oberstadt, die Unterstadt (Podil) mit dem natürlichen Hafen und die südliche Vorstadt Petschersk um das Höhlenkloster. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Stadt stark zerstört. Nach dem Wiederaufbau wurden ab 1958 viele neue Wohngebiete und Industrieanlagen (u. a. Industrie- und Wohnviertel östlich des Dnjepr [flaches Wiesenufer]) geschaffen.

Von der ehemaligen Stadtumwallung mit 4 Toren aus der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts ist das aus Ziegelsteinen erbaute, 1982 renovierte und um Teile ergänzte »Goldene Tor« (1024) erhalten. Im Stadtzentrum liegt die Sophienkathedrale (UNESCO-Weltkulturerbe), 1017–37 erbaut, 1240 zerstört, im 17./18. Jahrhundert wieder aufgebaut; dabei wurden dem ursprünglichen Bau, einer fünfschiffigen Kreuzkuppelanlage, eine Vorhalle und ein Glockenturm hinzugefügt; im Innern findet sich ein reicher Mosaik- und Freskenschmuck (1046 bis um 1067). Nahebei stand die 989–996 errichtete Desjatynna-(Zehnt-)Kirche, die erste steinerne Kirche der Rus, die 1240 (Mongolensturm) zerstört und nach ihrem Neubau (19. Jahrhundert) erneut 1936 (»Stadtmodernisierung«) zerstört wurde. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde am oberen Rand des Bergufers des Dnjepr die Andreaskirche nach Plänen von B. F. Rastrelli (1747–52) erbaut.

Das Kiewer Höhlenkloster (Kiewo-Petscherskaja Lawra; UNESCO-Weltkulturerbe), erbaut 11.–18. Jahrhundert, ist das älteste bis heute existierende Kloster im russisch-ukrainischen Gebiet (Lawra); die Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale (1073–78), Hauptkirche des Klosters, wurde 1941 zerstört und 1998–2002 neu erbaut; die Dreieinigkeits-Torkirche (ursprünglich 1106–08) erfuhr im 18. Jahrhundert eine Umgestaltung (Sophienkathedrale und Höhlenkloster in Kiew [Welterbe]).

Weitere bedeutsame Werke des 11. und 12. Jahrhunderts sind das Wydubytscher Kloster mit der Michaelskirche (1070–88, im 18. Jahrhundert umgestaltet), die ehemals zum Michaelskloster gehörende Michaelskathedrale mit den goldenen Kuppeln (1108–13; letztmalig 1935 zerstört und 1994–99 neu erbaut), die Erlöserkirche von Berestowe (1113–25) sowie die Kyrillkirche (1114–46, heutige Form aus dem 17./18. Jahrhundert; mit Wandmalereien), die zum gleichnamigen Kloster gehörte. Frühmittelalterliche Bauwerke in der Unterstadt sind die Illinkirche (10. Jahrhundert, im 18./19. Jahrhundert verändert) und die Kirche der Muttergottes von Pyrogoschtscha (1131–36).

Kirchen des 18. Jahrhunderts sind in allen Teilen der Altstadt erhalten, z. B. die Pokrow- und Uferkirche Sankt Nikolaus in Podil, die Auferstehungs- und Allerheiligenkirche in Petschersk. Zu den wichtigen Zeugnissen des ukrainischen Barock gehört auch das Klower-Palais. Bauten des Klassizismus sind u. a. das Hauptgebäude der heutigen National-Universität (1837–43) und das »Kontrakthaus« (1815–17). In historistischen Architekturformen wurden die Wladimirkathedrale (1862–96), das Gebäude der Kaufmannsversammlung (1882, heute Philharmonie) und das Opernhaus (1899–1901) ausgeführt. Zeugnisse aus der Zeit des Jugendstils sind der großzügige »Bessarabische Basar« (1910–12) und viele Wohnhäuser der Innenstadt.

Nach der Erklärung Kiews zur Hauptstadt (1934) wurden im Zuge des Generalbebauungsplanes von 1938 bis 1940, der die Modernisierung der Stadt zum Ziel hatte, zahlreiche monumentale Repräsentationsbauten errichtet, u. a. das Gebäude des Ministerrates der Ukrainischen SSR (1934–38) und das Zentralkaufhaus (1936–39). Nach 1945 entstand der Kreschtschatik, die alte Magistrale der Stadt, mit repräsentativen Gesellschaftsbauten neu. In der Folgezeit bildeten weitere Generalbebauungspläne (1955, 1967) die Grundlage für den modernen Ausbau und die Erweiterung der Stadt. Der erste Stadtteil auf dem linken Flussufer, Rusaniwka, wurde 1963–72 erbaut. Bis 1995 entstand in weiteren linksseitigen Stadtteilen Wohnraum für rund 1 Million Einwohner; dem Stadtverkehr dienen seitdem fünf sechs- bis achtspurige Dnjepr-Brücken. Ein architektonisch freier, nicht typisierter großstädtischer Wohnungsbau führt seit 1997 in der jungen Unterstadt Obolon zu sehenswerten Ergebnissen.

Sophienkathedrale. Die Kathedrale in Kiew aus dem 11. Jh. ist eine der bedeutendsten Kirchen der europäisch-christlichen Kultur.

 

Geschichte

Die Anfänge Kiews werden ins ausgehende 5. und das frühe 6. Jahrhundert datiert. Im 6./7. Jahrhundert Siedlung der ostslawischen Poljanen, erhielt Kiew nach der Legende (Nestorchronik) seinen Namen von dem angeblichen Gründer Ki. 860 erstmals in ostslawischen Chroniken erwähnt, wurde die Stadt unter dem Nowgoroder Fürsten Oleg zum Zentrum des Kiewer Reichs (Russland, Geschichte). Die Lage am »Weg von den Warägern zu den Griechen« begünstigte den Handel mit Byzanz, so dass Kiew sich im 10. und 11. Jahrhundert zu einer der größten und reichsten Städte Europas entwickelte und ab 988 auch das kirchliche Zentrum des Kiewer Reiches war. Als dieses nach 1054 zerfiel, verlor Kiew an Bedeutung; nach Eroberung und Zerstörung durch die Mongolen (1240) kam es, auch durch stagnierenden Dnjeprhandel, zum Niedergang. Unter der Herrschaft Litauens (seit 1362) und Polens (seit 1569) erholte sich die Stadt langsam (1494/97 Magdeburger Stadtrecht; 1632 Gründung der Mohyla-Akademie). Nach dem Aufstand unter B. Chmelnyzky (1648) und dem Frieden von Andrussowo (1667) an Russland gekommen, wurde Kiew zur Festung ausgebaut, war seit 1708 Hauptstadt eines Gouvernements, 1781–97 einer Statthalterschaft, seit 1797 erneut eines Gouvernements (1869 Anschluss an das Eisenbahnnetz) und wurde zusammen mit Lemberg Mittelpunkt der ukrainischen Nationalbewegung. 1917 bildeten hier nationale Gruppen eine eigenständige Regierung (Zentralna Rada), 1918 war Kiew Sitz des Hetmanats unter P. P. Skoropadsky.

Im Bürgerkrieg immer wieder umkämpft, fiel Kiew 1920 an Sowjetrussland und wurde 1934 Hauptstadt der Ukraine. Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt nach der Kesselschlacht von Kiew von September 1941 bis November 1943 von deutschen Truppen besetzt (Babi Jar).