Zeit

Zeit [althochdeutsch zīt, eigentlich »Abgeteiltes«], das im menschlichen Bewusstsein unterschiedlich erlebte Vergehen von Gegenwart; die nicht umkehrbare, nicht wiederholbare Abfolge des Geschehens, die als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft am Entstehen und Vergehen der Dinge erlebt wird. Wir erfahren die Welt als gerichteten Prozess, der eine begriffliche Aufspaltung in Raum und Zeit zulässt. Zeit ist somit der durch Abstraktion herausgehobene Verlaufsaspekt der veränderlichen Zustände der Realität. Soweit wir heute wissen, ist es nicht möglich, die Zeitlichkeit der Natur mittels Theorien auf fundamentalere Eigenschaften zurückzuführen. Die Eigenschaften der Zeit lassen sich deshalb beschreiben, aber die Zeit kann nicht erklärt werden. Nach A. EinsteinsRelativitätstheorie ist die Zeit eine von dem umfassenderen Begriff der Raumzeit künstlich abgespaltene Dimension. Dennoch besitzt die Zeit eigenständige Qualitäten, die sie vom Raum wesentlich unterscheiden. Vom objektiven Verlauf zeitlichen Geschehens, das durch menschliche Zeiteinteilung und Zeitmessung in Perioden von Bruchteilen von Sekunden bis zu Jahren gegliedert sein kann, hebt sich das subjektiv unterschiedliche Erleben zeitlichen Geschehens ab. In den Naturwissenschaften ist die Zeit eine der Basisgrößen des Internationalen Einheitensystems; SI-Einheit ist die Sekunde. Die Geschichtswissenschaft beschäftigt sich v. a. mit linear gerichteter Zeit, wohingegen z. B. in Geologie, Meteorologie und Biologie rhythmische und zyklische Prozesse (z. B. Kreislauf des Wassers; Blutkreislauf) eine große Rolle spielen. Mit einer wachsenden wissenschaftlichen Erforschung der Entwicklungsprozesse des Lebendigen geht eine Differenzierung der Strukturen der Zeit als spezifische Systemzeit einher. Individuen durchlaufen biografische Entwicklungsphasen, soziale Gruppen besitzen eine Geschichte, der Stammbaum des Organischen erfährt eine Evolution.

Philosophische Überlegungen zur Natur der Zeit

Die ältesten philosophischen Überlegungen zur Natur der Zeit gehen auf die vorsokratische Philosophie zurück. In der eleatischen Schule des Parmenides (5. Jahrhundert v. Chr.) wurde versucht zu zeigen, dass nur das Seiende real, die Vergänglichkeit und der Wandel der Erscheinungen jedoch eine Illusion der Sinne ist: »Die wahre Welt ruht unbeweglich und zeitlos, sie ist ohne Anfang und Ende.« Heraklit von Ephesos hingegen betrachtete das Werden, den Fluss der Phänomene, als primär: »Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wiederum anderes Wasser zu.« Für Parmenides war die Welt die Gesamtheit aller Dinge, während Heraklit sie als Inbegriff der Ereignisse dachte. Damit war bereits die fundamentale Frage der Realität der Zeit ins Auge gefasst. Zenon von Elea, ein Schüler des Parmenides, bemühte sich, mit scharfsinnig erdachten Gedankenexperimenten zu beweisen, dass die Annahme der Wirklichkeit der Zeit zu Paradoxien im Unendlichen führt. Diese idealistische Deutung der Zeit entwickelte eine lange Tradition. Mit anderen Argumenten wurde in der Neuzeit die Unrealität der Zeit von dem Philosophen J. M. Ellis McTaggart (* 1866, † 1925) und dem Mathematiker K. Gödel verteidigt. McTaggartfasste die Zeit als rein anthropomorphes Element im Weltgeschehen auf, Gödel stützte sich auf relativistische Gründe, um ihre Idealität zu zeigen. Doch auch die realistische Deutung der Zeit hat ihre Verteidiger, sie wird meist mit Hinweis auf die kosmischen Zyklen gestützt. In der Antike wies Platon im »Timaios« darauf hin, dass der Ursprung der Zeit mit der Struktur der Welt im Großen zusammenhängt. Der Demiurg, der Erbauer der Welt, wollte ein bewegliches Abbild der Unvergänglichkeit schaffen. Dieses Abbild ist der Himmel selbst, und mit ihm entsteht die Zeit. Die Unvergänglichkeit und die zyklische Ordnung des Himmels sind ordnendes Maß für die (vergänglichen) Dinge.

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Aristoteles kritisierte jedoch die Gleichsetzung der Zeit mit dem kosmischen Umschwung und wies darauf hin, dass es eine Vielzahl von Himmelsbewegungen gibt, die zudem mit verschiedenen Geschwindigkeiten ablaufen, was der Eindeutigkeit der Zeit widerspricht (»Physica« IV 218 b). Dennoch verteidigte er die Abhängigkeit von Zeit und Bewegung; getrennt von den Prozessen der Welt kann Zeit nicht verstanden werden, sie ist der numerische Aspekt der Naturvorgänge hinsichtlich ihrer Ordnung nach »früher« und »später«. Somit darf man Aristoteles als Vorläufer einer relationalen Zeitauffassung ansehen. Er kritisierte auch PlatonsSchöpfungsidee, mit der die Welt eine zeitlich asymmetrische Existenzweise erhalte; sie wäre zwar entstanden, hätte dann aber ewigen Bestand. Nach Aristoteles hat das Universum keinen Anfang und kein Ende in der Zeit. In diesem Punkt stimmten auch die Atomisten zu, z. B. Lukrez: Kein Ding kann aus dem Nichts entstehen oder ins Nichts verschwinden, schon gar kein Universum und auch nicht mit göttlicher Hilfe. Damit ist das »genetische Prinzip« formuliert, das den Gesetzeszusammenhang aller Ereignisse der Welt ausdrückt und die Grundlage aller kausalen Erklärungen darstellt. In christlicher Tradition ging Augustinus von dem durch göttlichen Schöpfungsakt hervorgebrachten Anfang der Welt aus, betonte jedoch, dass Gott die Welt nicht in, sondern mit der Zeit erschaffen hat (»Confessiones«, 11. Buch). Thomas von Aquinounterschied die »creatio originans«, die auf einen Anfangspunkt der Welt in der endlichen Vergangenheit hinweist, von der »creatio continuans«, die Gottes permanente Tätigkeit in der Welt ausdrückt und die nach Thomas selbst dann vonnöten wäre, wenn sich das Universum als unendlich alt erweisen sollte.

Das Zeitbewusstsein als durchgängige Form aller Erlebnisse im Bewusstseinsstrom ist von verschiedenen philosophischen Standpunkten aus betrachtet worden. So ist bei Augustinus die Zeit als »innere Gegenwart« aller Erfahrungen an die menschliche Seele gebunden; erinnernd und erwartend ist die Seele in der Gegenwart bei Vergangenem oder Zukünftigem. Der Zeitmessung nach »früher« und »später« liegt die vergleichende Tätigkeit der Seele zugrunde. E. Husserl beschrieb die Erlebniszeit unter methodischem Absehen von der objektiven, messbaren Zeit im Zusammenhang der Phänomenologie. Im Jetzt widerfahre dem Erlebnis die absolute Subjektivität; ihm öffne sich der transzendentale Horizont der Welt, in dem für das innere Zeitbewusstsein der Raum einer »objektiven Zeit« vorgegeben sei. Auf dieser Grundlage suchte M. Heidegger Zeit als ursprünglichen Horizont allen Seinsverständnisses und (später) allen Sichmitteilens des Seins zu deuten. H. Bergsonerklärte die Erlebniszeit (»temps inventeur«, »durée réelle«) als ursprünglich und schöpferisch, die objektive Zeit hingegen (»temps longueur«) als Verstandeskonstruktion unter dem Gesichtspunkt des Raumes. Bergsons Gedanken befruchteten die Diskussion auf vielen Gebieten, so auch auf dem der Literatur (M. ProustT. MannVirginia Woolf).

Zeit in der klassischen Mechanik

In der Neuzeit entspann sich die Debatte v. a. um den ontologischen Status, das heißt die Existenzweise der Zeit. Nach I. Newton ist die Zeit eine starre universelle Größe, die unabhängig von allem physikalischen Geschehen existiert: »Die absolute, wahre und mathematische Zeit fließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand. Sie wird mit dem Namen: Dauer belegt.« Damit spielt Zeit eine passiv-absolute Rolle, sie wird nicht durch die Materie und deren Bewegung beeinflusst. Zusammen mit dem absoluten Raum stellt sie in der klassischen Mechanik als absolute Raumzeit die statische kosmische Arena für den Ablauf der Naturprozesse dar. An dem Absolutheitscharakter der Zeit übte dann G. W. Leibniz Kritik, da ein solcher Zeitbegriff gegen den Satz vom zureichenden Grund und gegen das Prinzip von der Identität des Ununterscheidbaren verstößt. Leibniz argumentierte dafür, nur die Ordnung der Ereignisse als real zu betrachten. Der Unterschied zwischen der absoluten und der relationalen Zeitauffassung lässt sich auf die einfache Form bringen: Nach Newton hat das Universum eine Uhr, nach Leibniz ist es eine.

Auf der Basis der klassischen Physik versuchte I. Kant die grundlegende Frage zu beantworten, warum uns überhaupt alles Reale in Raum und Zeit erscheint. Seine Antwort darauf war, dass Zeit ebenso wie Raum apriorische Anschauungsformen darstellen, die Erfahrungserkenntnis erst möglich machen: »Die Zeit ist nicht etwas Objektives und Reales, weder eine Substanz noch ein Akzidens, noch eine Relation, sondern eine subjektive, durch die Natur des Geistes notwendige Bedingung, beliebige Sinnendinge nach einem bestimmten Gesetze miteinander zusammenzuordnen, und eine reine Anschauung.« Nach heutiger Auffassung hat Kant damit nur die Bedingung der Möglichkeit empirischer Erkenntnis getroffen, die Reichweite der theoretischen Erkenntnis jedoch unterschätzt.

Die absolute Zeit der klassischen Mechanik wurde bereits aus begrifflichen Gründen von Philosophen wie G. Berkeley und E. Mach kritisiert: Sie ist empirisch unfassbar, denn wir arbeiten immer nur mit relativen Zeiten, z. B. mit einer Uhr, einem beobachtbaren periodischen Vorgang, der als Zeitmessgerät eingesetzt werden kann. Nach Mach sollten alle absoluten Begriffe, weil metaphysisch und unkontrollierbar, aus der Physik verschwinden. Die Eliminierung der absoluten Zeit wurde dann in der speziellen Relativitätstheorie (1905) von A. Einsteinrealisiert.

Zeit in der Relativitätstheorie

Die spezielle Relativitätstheorie besagt, dass die Zeitkoordinate beim Übergang von einem Inertialsystem zu einem anderen transformiert wird. An die Stelle einer in allen Systemen gleichen (absoluten) Zeit treten jeweils unterschiedliche spezielle Systemzeiten: Jedes physikalische System, das sich relativ zu einem anderen bewegt, hat seine eigene Zeit. Der Gang der Uhren in verschiedenen Bezugssystemen wird durch die Lorentz-Transformationumgerechnet. Es lässt sich somit immer exakt angeben, wie schnell ein Prozess in einem bewegten Nachbarsystem abläuft. Diese Relativität der Zeit ist eine objektive Eigenschaft, sie drückt zwar die Systemabhängigkeit der Zeit aus, hat aber nichts mit der Subjektivität eines Beobachters zu tun. Aus der Systemabhängigkeit der Zeit folgt die Relativität der Gleichzeitigkeit: Sind zwei Ereignisse an unterschiedlichen Orten für einen ruhenden Beobachter gleichzeitig, dann sieht der zu ihm in Verbindungsrichtung der beiden Orte bewegte Beobachter sie zu verschiedenen Zeitpunkten. Wie die Dauer eines Vorgangs vom Bewegungszustand des Systems abhängt (Zeitdilatation), konnte in Präzisionsexperimenten mit Elementarteilchen sehr genau geprüft werden.

 

Physikalische Größenordnungen in Natur und Technik im Vergleich: Länge, Zeit, Geschwindigkeit und Leistung
Der Gang einer Uhr hängt nach der allgemeinen Relativitätstheorie (1915) auch vom Gravitationsfeld ab, in dem sie sich befindet: In der Nachbarschaft großer Körper (z. B. auf der Oberfläche der Erde) läuft die Uhr langsamer als im interstellaren Raum extrem geringer Dichte. Eine Uhr auf einem Berg geht schneller als eine vorher synchronisierte Vergleichsuhr im Tal (Beispiel: Auf der Spitze des Mont Blanc in 4 810 m über dem Meeresspiegel geht eine Uhr in 50 Jahren um 0,7 ms relativ zu einer in Chamonix-Mont-Blanc ruhenden Uhr vor). Diese Relativität der Zeit wird am deutlichsten in der Nähe von hohen Massekonzentrationen wie Neutronensternen; am Rande eines Schwarzen Lochs steht aufgrund des dortigen extremen Gravitationsfelds für den statischen Außenraumbeobachter die Zeit still.

Die Struktur der Zeit ist eng verbunden mit dem Wirkzusammenhang der Welt. In der speziellen Relativitätstheorie weicht die Kausalstruktur der Ereignisse nur insofern von der klassischen Form ab, als wegen der Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit nur diejenigen Ereignisse, die innerhalb des Lichtkegels oder auf diesem liegen, durch eine kausale Kurve, eine »zeitartige« oder »lichtartige« Weltlinie, verbunden werden können. Die zeitliche Abfolge der Ereignisse bleibt jedoch in allen Inertialsystemen gleich. So kommt es in der Raumzeit der speziellen Relativitätstheorie niemals zu einer Umkehrung von Ursache und Wirkung. Es lassen sich auch keine Kausalketten konstruieren, die Ereignisse in der Vergangenheit erreichen. In der allgemeinen Relativitätstheorie gibt es hingegen einige spezielle Lösungen (Gödel 1949, Roy Kerr 1963), in denen geschlossene kausale Wege (»Zeitschleifen«) existieren, die in die Vergangenheit des Beobachters führen. Solche Weltlinien werden gelegentlich als »Zeitreisen« angesprochen. Geschlossene zeitartige Weltlinien bedeuten keine Vorwärts- oder Rückwärtsbewegungen in der Zeit. Einige Autoren haben vermutet, dass der Begriff der Reise in die Vergangenheit oder Zukunft innere Widersprüche enthält. Dies muss aber nicht sein, wenn man bei den neu hinzutretenden Ereignisketten darauf achtet, dass diese mit den vorhandenen Ereignissen in kausalem Einklang stehen.

Anfang und Ende der Zeit

In den kosmologischen Modellen der allgemeinen Relativitätstheorie (A. A. Friedmann 1922, 1924) ist aufgrund der Homogenität und Isotropie der Materieverteilung eine Raumzeit ausgezeichnet, in der eine vom Raum unabhängige eindeutige Zeitkoordinate definiert ist. Diese kosmische Zeit ist jene Zeit, die von einem im expandierenden Raum ruhenden Beobachter auf seiner Uhr abgelesen wird. Diesen komobilen (mitbewegten) Beobachter kann man sich in einem Raumbereich weit entfernt von einzelnen Galaxien befindlich vorstellen. In Bezug auf diese Eigenzeit des mit der kosmischen Materie mitschwimmenden Beobachters weisen alle einfachen Friedmann-Lemaître-Modelle einen absoluten Nullpunkt der Zeit auf. Verfolgt man die Weltlinien der Galaxien gedanklich in der Zeit zurück, dann schneiden sich diese Linien in einem Punkt in der endlichen Vergangenheit. Dieser Punkt, die sogenannte Anfangssingularität, ist aufgrund eines strengen mathematischen Theorems, das Roger Penrose und S. Hawking 1970 bewiesen haben, in den einfachen relativistischen, kosmologischen Modellen unvermeidbar; diese Singularität repräsentiert kein Ereignis, das zur Welt gehört, sondern stellt einen Rand der Raumzeit dar, über den hinaus das Schicksal der Materie nicht verfolgt werden kann. Die Singularität lässt sich nicht durch kausale Prozesse ergänzen. Sie drückt somit eine Unvollständigkeit von Einsteins Gravitationstheorie aus. Der Zustand der kosmischen Materie ist für den Anfang der Zeit nicht definiert, weil für ihn alle physikalischen Parameter gegen unendlich gehen.

Man versucht heute, im Rahmen von Ansätzen zu einer Theorie der Quantengravitation vollständige, das heißt auch singularitätsfreie Theorien zu finden, in denen keine Ränder der Raumzeit existieren, wo die Gesetze der Physik ihre Gültigkeit verlieren. Der bekannteste Vorschlag für ein quantenkosmologisches Modell ohne Singularitäten und damit auch ohne einen absoluten Nullpunkt der Zeit wurde 1982 von Hawking und James B. Hartle (* 1939) vorgelegt. Sie schlagen vor, eine kompakte Raumzeit mit imaginärer Zeitkoordinate zu verwenden (das heißt, die Zeitkoordinate t wird nach -iτ transformiert; i = √−1, imaginäre Einheit). In einer solchen nunmehr euklidischen Raumzeit erhält die Zeit den Charakter einer Raumkoordinate. Damit werden die Fragen nach dem Anfang der Zeit und dem Ursprung des Universums unstellbar, sie sind in dieser quantenkosmologischen Theorie gar nicht definiert. Während es in der klassischen Gravitationstheorie mit reeller Zeit nur die beiden Alternativen des singulären Anfangs oder der ewigen Vergangenheit des Universums gibt, existiert in der Quantengravitation die dritte Möglichkeit einer geschlossenen zeitlosen Welt ohne Grenze und Rand. »Anstatt davon zu reden, dass das Universum entstanden ist und vielleicht auch vergehen wird, sollte man nur sagen: Das Universum ist« (Hawking).

In den modernen Stringtheorien sind Raum und Zeit abgeleitete Größen; es lassen sich also durchaus physikalische Systeme ohne Raum und Zeit denken, und auch der Vorgang der Entstehung von Raum und Zeit kann Gegenstand theoretischer Überlegungen werden. Aufgrund erster Ansätze von Theorien der Quantengravitation ist anzunehmen, dass bei extrem heißen, das heißt bei kosmologisch frühen Materiezuständen der Begriff der Zeit immer weniger gut anwendbar ist. Es ist möglich, dass der Zeitbegriff als gute Näherung nur für die Beschreibung eines relativ kalten Universums geeignet ist.

Zeitpfeile

Eine der zentralen Eigenschaften der Zeit ist, dass sie – anders als der Raum – eine ausgezeichnete Richtung besitzt. Wir erinnern uns nur an vergangene Ereignisse, die Entwicklung der Lebewesen weist ontogenetisch und phylogenetisch eine typische Einsinnigkeit auf, zerstörte Strukturen regenerieren sich nicht spontan, die Expansion des Raums trennt die Galaxien. Diese Anisotropie der Zeit, metaphorisch auch »Zeitpfeil« genannt, lässt sich durch die Naturgesetze derzeit nicht erklären.

Die Zeitrichtung kommt in den Grundgleichungen der Mechanik, Elektrodynamik, Quantenmechanik und Relativitätstheorie nicht vor, da alle symmetrisch bezüglich Zeitspiegelungen sind; das heißt, wenn man die Zeitkoordinate t durch −t ersetzt, erhält man wieder einen physikalisch erlaubten Vorgang, aber keine Rückwärtsbewegung in der Zeit. Die Möglichkeit einer gesetzesartigen Auszeichnung der Zeitrichtung ergibt sich aus dem Zerfall bestimmter Elementarteilchen, der neutralen Kaonen (K0, K̄0) und neuerdings auch der neutralen B-Mesonen (B0, B0). Der K0-Zerfall verletzt eine bestimmte innere Symmetrie von Elementarteilchen, die CP-Symmetrie; da andererseits das CPT-Theorem, das die CP-Symmetrie mit der zeitlichen Symmetrie (T-Symmetrie) verknüpft, ein gültiger Satz der Quantenfeldtheorie ist, muss eine Verletzung der zeitlichen Symmetrie der dynamischen Gesetze angenommen werden. Es ist aber nicht bekannt, wie diese mikroskopische Zeitasymmetrie die globale Einsinnigkeit der Zeit erzeugen und damit die in allen makroskopischen Prozessen vorhandene Zeitrichtung erklären könnte.

Im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik glaubte man zunächst eine Begründung der Orientiertheit der Zeit gefunden zu haben, da das Entropiewachstum in einem abgeschlossenen System nicht invariant unter Zeitumkehr, das heißt nicht symmetrisch in der Zeit ist. Die Entropie ist eine Zustandsgröße eines thermodynamischen Systems, die mit dem Anteil der nicht in Arbeit umwandelbaren Energie zusammenhängt. Irreversible makroskopische Prozesse führen in geschlossenen Systemen stets zu einer Zunahme der Entropie, sodass dadurch eine Richtung von Naturprozessen festgelegt wird. Nachdem die Thermodynamik jedoch (durch L. Boltzmann und J. W. Gibbs) in Begriffen der statistischen Mechanik formuliert worden war, wobei der Entropiesatz mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeit verbunden wurde, zeigte sich, dass in der Langzeitentwicklung eines vollkommen isolierten Systems mit einer großen, aber endlichen Zahl von Freiheitsgraden der Zeitpfeil wieder verschwindet: Auch wenn man noch so viele mikroskopische, reversible Prozesse aufeinanderhäuft, wie z. B. die Stöße der Moleküle eines Gases in einem Behälter, erhält man wegen der endlichen Zustandsabfolge, die immer wiederkehrt (poincarésche Wiederkehrzeit), auf lange Sicht kein eindeutig irreversibel gerichtetes Verhalten des Gases. Eine mögliche Erklärung der Irreversibilität und damit der Zeitrichtung könnte darin bestehen, dass die Messung makroskopischer Eigenschaften eines Systems immer zugleich eine Reduktion auf »wesentliche« Parameter, wie Energie, Druck, Temperatur, erfordert. In der Quantentheorie wird dieses Argument zusätzlich durch die sogenannte Reduktion der Wellenfunktion infolge der Messung (mikroskopischer) Eigenschaften an einem Quantensystem verstärkt. Allerdings gibt es auch Formulierungen der Quantentheorie, die die Reduktion der Wellenfunktion infolge der Messung nicht kennen, wie die Relativzustandsformulierung beziehungsweise Vielwelteninterpretation von H. Everett (1957).

Nach anderen Ursprüngen der Zeitrichtung suchte man v. a. in der kosmischen Dynamik, nämlich in der Expansion des Universums. In der kosmologischen Erklärung des Zeitpfeils geht man davon aus, dass unsere engere Umgebung, also unser Sonnensystem, gegenüber dem Weltraum nicht abgeschlossen ist. Da der Raum sich ausdehnt, fungiert er als eine unerschöpfliche Senke für Strahlung; die Offenheit gegenüber dem Raum bewirkt, dass das Sonnensystem viel mehr Strahlungsenergie aussendet, als es von außen erhält. Das permanente »Versickern« von Strahlungsenergie in den expandierenden Raum ruft dann alle einsinnig gerichteten terrestrischen Prozesse hervor. Nach dieser kosmologischen Theorie der Zeitrichtung ist die Expansion des Universums die grundlegende Ursache für den strukturellen Unterschied von Vergangenheit und Zukunft. Die Unverfügbarkeit der vergangenen Ereignisse und die Offenheit der zukünftigen Geschehnisse gründet in der von der Gravitation dominierten Dynamik des Universums. Die Gegenwart, in der Sicht des Alltags der wichtigste der drei Zeitmodi, besitzt aus physikalischer Sicht keine besondere Bedeutung, sie drückt nur die Gleichzeitigkeit der subjektiven Wahrnehmung mit einem bestimmten Ereignis aus. Die Zeitasymmetrie spielt auch eine entscheidende Rolle in der neueren thermodynamischen Theorie offener Systeme (I. Prigogine u. a.). Diese Thermodynamik des Ungleichgewichts beschreibt das Entstehen von komplexer Ordnung aus Schwankung. Unter Ungleichgewichtsbedingungen wird eine Schwankung nicht wieder weggedämpft, sondern kann durch Energieaustausch mit der Umgebung verstärkt werden. Im Komplexitätswachstum manifestiert sich daher ebenfalls der Pfeil der Zeit.

Zeit in den Religionen

In den Religionen sind Bild und Begriff der Zeit stark vom religiösen Erleben des Menschen geprägt. Wie der kultischen Zwecken vorbehaltene heilige Raum aus dem Profanbereich ausgesondert ist, so ist auch die heilige Zeit nur als Abschnitt, als Einbruch heiliger Wirklichkeit im Kontinuum des Alltäglichen erlebbar. An die Wiederkehr und doch immer neue Gegenwart des Heiligen zu verschiedenen Zeitpunkten erinnert das kultische Fest, das zugleich die Rückkehr zur ursprünglich heiligen Urzeit ermöglicht. Besonders mit den Neujahrsriten, aber auch den Mond-, Sonnen-, Regen- und Jahreszeitenfesten verbindet sich häufig die symbolische Wiederholung eines mythischen Geschehens, die Erneuerung bringt. Der Kalender hat somit ursprünglich einen sakralen Bezug. Auch die Zeit überhaupt kann Träger des Heiligen sein (u. a. der iranische Gott Zurvan, der griechische Gott Kronos).

Buddhismus und Hinduismus rechnen in großen Zyklen des Entstehens und Vergehens. In der chinesischen Kultur herrscht ein organischer Naturalismus vor; die Zeit gilt vornehmlich als eine objektive Realität. Kennzeichnend ist v. a. die daoistische Vorstellung zyklischen Wechsels, von dem die Entwicklung lebendiger Organismen, aber auch die gesamte Natur bestimmt ist (»Wiederkehr ist die charakteristische Bewegung des Dao«, der ewigen Ordnung der Natur). Jedes hat seine Zeit, Aufstieg und Niedergang, denen der Weise in seinem Handeln Folge leistet. Der klassische Konfuzianismus hebt die angemessenen Zeiten für das Handeln des Weisen in der Gesellschaft hervor; nicht vorgegebene Verhaltensregeln, sondern ein den jeweiligen Umständen entsprechendes »zeitgemäßes Mittleres« sind zu befolgen.

Der Islam enthält die Prädestinationsvorstellung, der zufolge Allah in einem separaten Schöpfungsakt jeden Moment des Weltprozesses nach seinem eigenen unvorhersehbaren Willen gestaltet.

In der jüdisch-christlichen Tradition gilt die Zeit als lineare Erstreckung einer auf den Menschen und seine Geschichte zentrierten, einmaligen Entwicklung: vom zeitlichen Anfang der Schöpfung bis zum Weltende (Eschatologie). Für das Alte Testament ist diese lineare Zeitstrecke nicht vom jeweiligen Geschehen abstrahiert, sondern als »gefüllte Zeit«, das heißt Zeitpunkt, Zeitabschnitt (Prediger Salomo 3; Psalmen 104, 27 u. a.) und Folge von Zeitabschnitten (so in der Geschichtsschreibung) zu verstehen. Das Neue Testament wird von diesem alttestamentlich-jüdischen Selbstverständnis bestimmt. Es unterscheidet den »chronos« als Zeitraum vom Kairos, dem Zeitpunkt der einmaligen Entscheidung, und dem »aion« (Äon) als der fernen, grenzenlosen Zeit, der Ewigkeit. Der Blick richtet sich in die Vergangenheit zur Schöpfung und in die Zukunft zum Anbruch des Reiches Gottes, des mit Jesus Christusangebrochenen neuen Äons. In Jesus Christus »ist die Zeit erfüllt« (Markus 1, 15; Epheserbrief 1, 10). Das Wort »zeitlich« bedeutet hier oft das Weltliche, Diesseitige, im Gegensatz zum Ewigen, Jenseitigen. Mit seiner Erlösung durch das Heilswerk Jesu Christi ist dem Menschen die Möglichkeit gegeben, in einer von ihm zu fällenden Entscheidung »in der Zeit« das ewige Leben, das heißt das Sein bei Gott in der Ewigkeit, zu gewinnen. Damit wird kein theoretischer Zeitbegriff entfaltet. Das christliche Zeitverständnis wird vielmehr dadurch bestimmt, dass ein geschichtliches Ereignis, das Auftreten Jesu, als Gottes Heilsoffenbarung in der »Fülle der Zeit« (Galaterbrief 4, 4) geglaubt wird. Die Form, in der dieses Ereignis auf die Weltzeit bezogen wird (die jeweilige Verkündigung von Jesus Christus), und die Kirche sind selbst geschichtlich. Die Welt bleibt durch ihre Verkündigung ständig mit ihrem Erlöser konfrontiert. Insofern kann man von einer Heilsgeschichte sprechen.

Zeit und Bewusstsein

Schwankungen in der Zeiterfahrung (Dehnung, Raffung, Modifizierung durch bestimmte Gefühlslagen wie Sorge, Freude, Trauer) finden sich bereits im normalen Alltagsbewusstsein; je nach Rahmenbedingungen, individuellen Voraussetzungen und Situationen werden Zeitverläufe als lang- oder kurzweilig empfunden, intensiv oder oberflächlich wahrgenommen. Im Besonderen werden Zeitsinn und Zeiterleben des Menschen in der experimentellen Psychologie untersucht. Danach hängt die Einschätzung der Länge eines Zeitraums wesentlich von Erwartungen, Aufmerksamkeit und Motivation ab und wird durch weitere Faktoren wie Umwelt- und Situationseinflüsse, Alter, Krankheit, psychische Dispositionen wie Depression oder Psychosen verändert. Auch in der Biologie spielt die Beobachtung zeitlicher Strukturen (Biorhythmen) in einzelnen Lebensprozessen (besonders die Wechselbeziehung zwischen endogenen und externen Faktoren) eine wichtige Rolle.

Bereits die Differenzierung von vermeintlich objektiver Zeit und subjektiver Zeiterfahrung spiegelt möglicherweise eine mit der Conditio humana gegebene Begrenztheit in der Anschauung der Welt und in der Selbstauslegung menschlichen Bewusstseins wider, die zugleich auf eine spezifische Chance verweist: die Selbstsetzung des Menschen als bewegliche und reflexionsfähige Instanz gegenüber einem dafür notwendig als feststehend angenommenen Horizont. So betrachtet stellt die Vorstellung der Zeit als einer Dimension menschlicher Erfahrung gerade in ihrer Wechselhaftigkeit zwischen erfahrener Schwankung und angenommener Stetigkeit eine Bedingung der Selbsterfahrung und Selbstverortung des Menschen dar, die zugleich den unsicheren und deshalb stets aufs Neue methodisch und reflexiv zu bearbeitenden Untergrund der eigenen Anschauungsmöglichkeiten immer wieder ins Bewusstsein bringt. Die vorhandenen Vorstellungen von der Zeit und ihre Ordnungsmöglichkeiten lassen sich nach religiösen und kulturellen Mustern, nach ästhetischen, sozialstrukturellen und ökonomischen Gesichtspunkten sowie nach subjektiven Erfahrungen unterscheiden. Geprägt und verändert werden die Vorstellungen von der Zeit auch durch den jeweiligen technischen Entwicklungsstand. So orientiert sich die Messung der physikalischen Zeit mithilfe der Uhr an der Vorstellung der periodischen Wiederkehr eines bestimmten Vorgangs; modellhaft kann hierzu die Periodizität der Bewegung der Gestirne als Grundlage für die Definition von Zeitintervallen mithilfe von Zeitskalen herangezogen werden. Um ein solches Modell entwickeln zu können, sind zwei Bedingungen notwendig: das Vorhandensein periodischer Prozesse in unserem näheren Kosmos und zugleich die im menschlichen Bewusstsein gegebene Möglichkeit des Herausgenommenseins aus diesen Prozessen, das Beobachtung, Strukturierung und Messung erlaubt. Tatsächlich lassen sich im Blick auf die unterschiedlichsten Wissensformen und Darstellungsrepertoires – etwa Mythen, Religionen, Wissenschaften, Künste, Alltagserfahrungen, Träume und Bewusstseinszustände verschiedenster Art – Formen und Erfahrungen der Zeit anführen, die in ihrer Vielfalt und teilweisen Kompatibilität alle auf die grundlegend subjektiv-objektive Konstruktion menschlicher Zeiterfahrung verweisen.

In den älteren kulturgeschichtlichen Entwicklungen lagen die verschiedenen Zeiterfahrungen (zirkuläre und lineare Zeit, heilsgeschichtliche und Traumzeit, individuelle und gruppenspezifische Zeiterfahrungen, Jahreszeiten und Arbeitsrhythmen, biologische Zeitstrukturen sowie ästhetisch gestaltete Zeit, z. B. in Form von Rhythmen, Gesängen, Tänzen und mythologischen Erzählungen, aber auch erzählte oder dramatisch gestaltete Zeit in der Literatur) und nicht zuletzt die Vorstellungen unmittelbarer Zeitbrüche (Katastrophen, schicksalhafte Augenblicke, epochale Wendungen) vielfach nebeneinander oder überlagerten sich. Demgegenüber begriff die Epoche der Aufklärung lineare Zeit und geschichtlichen Fortschritt als universale Bewegungs- und Verständigungskategorien der menschlichen Entwicklung, und auch die Vorstellung der Zeit differenzierte sich in eine naturwissenschaftlich-objektive Zeit, eine subjektiv-ästhetische Zeit und einen wissenschaftlich-reflexiven Zeitgebrauch, der sich z. B. daran ablesen lässt, dass sich im Laufe des 18. Jahrhunderts das Muster der »Verzeitlichung« (W. Lepenies) als zentrale Anordnungskategorie empirisch erfassbarer Daten und Fakten sowie als Grundlage der Modellbildung durchsetzte und damit den Siegeszug von Evolutionismus und Funktionalismus in der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts vorbereitete. Damit verdrängten die wissenschaftlich legitimierten Zeitvorstellungen die übrigen in den Bereich des Unwissenschaftlichen beziehungsweise subjektiv Zufälligen oder ästhetisch Besonderen. Allerdings haben sich Philosophie, Literatur, Kunst und nicht zuletzt Alltagsbewusstsein und Volkskultur als Speicher und Reflexionsmedium der anderen Zeiterfahrungen erhalten; von L. Sterne über GoetheL. N. Tolstoi bis hin zu M. ProustVirginia WoolfT. MannR. Musil und V. Nabokov stellen das Thema der Zeitgestaltung und die damit verbundene Bewusstseinsproblematik eine der grundlegenden Dimensionen der modernen Literatur dar, die unter der Perspektive der Postmoderne in der neueren ästhetischen Diskussion auch wieder den Anschluss an vormoderne Muster und Zeitvorstellungen suchte.

Soziale Zeit

Die Sozialwissenschaften untersuchen den Zeitgebrauch von Gesellschaften und die ihn bestimmenden kulturellen, gruppenspezifischen, historischen und individuellen Faktoren. Beachtung finden sozioökonomische Aspekte (z. B. gesellschaftliche Organisation von Zeit, wirtschaftliche Bedeutung und Bewertung von Zeit, das Verhältnis von Arbeits- und Freizeit, individuelle, gruppen- und schichtenspezifische Zeitbudgets, Lebensverlaufsforschung, »temporale Strukturen« im Alltagshandeln), im engeren Sinn auch volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Fragen (z. B. Konjunktur- und Produktionszyklen, Zeitaufwendung in Arbeitsabläufen und deren Minimierung) sowie gesellschaftsvergleichende Forschungen zum Zeitbewusstsein. Auf der mikrosoziologischen Ebene stehen die Bedeutung der Zeitdimension für die Strukturierung individueller Biografien und des darin angelegten sozialen Handelns sowie die damit verbundenen sozialen, politischen und ökonomischen Optionen im Vordergrund, wobei sich schichten- und lebenslagenbezogene Besonderheiten feststellen lassen, z. B. hinsichtlich der Verteilung von Arbeit und Freizeit im Leben von Frauen und Männern, bei jungen und alten Menschen, in Familien oder bei Alleinlebenden, bei Erwerbstätigkeit oder Arbeitslosigkeit.

Für den industriegesellschaftlichen Zusammenhang bildet dabei die Absetzung des modernen Zeitbewusstseins und einer entsprechenden Zeitökonomie von den Zeitstrukturen vorindustrieller Gesellschaften den maßgeblichen Bezugsrahmen. Zwar hatte die gesellschaftliche Organisation von Zeit schon in frühen Stammesgesellschaften (für Aussaat, Ernte, Feste u. a.) eine Bedeutung und die Notwendigkeit der Synchronisierung von Zeitabläufen bildete seit den frühen Hochkulturen eine der zentralen Grundlagen gesellschaftlicher Organisation (z. B. Kalenderfestlegungen in priesterherrschaftlich geführten Gesellschaften wie der altägyptischen). Ihre in gesellschaftlicher Hinsicht entscheidende Dimension erhält Zeit allerdings erst in dem Maße, in dem gesellschaftlich organisierte Arbeit und Arbeitsteilung die gesellschaftlichen Strukturen verändern. Solche Ordnungsmuster und Umbruchsprozesse finden sich bereits in der agrarisch strukturierten Gesellschaft Alteuropas (etwa Kalenderreformen, Synchronisierung von Zeit durch Turmuhren und Stundenschlag bereits in der spätmittelalterlichen Städtelandschaft). Ihre spezifische Dominanz gewann die Orientierung sozialer Zusammenhänge auf Zeit allerdings erst durch den die Neuzeit bestimmenden Umbruch zu kapitalistischen Wirtschaftsformen und einer entsprechenden Arbeitsmoral (»protestantische Ethik«, M. Weber), in deren Zentrum ein von Kosten-Nutzen-Erwägungen geprägter und durch Berufung auf Gottes Gebot gerechtfertigter »sparsamer«, »rechenhafter« Umgang mit Zeit steht. Vor diesem Hintergrund sind Individuen, Wirtschaftseinheiten und die moderne Industriegesellschaft als Ganzes dem ständigen Druck ausgesetzt, Zeit »sinnvoll«, das heißt wirtschaftlich zu nutzen und Zeitverbrauch u. a. durch Verbesserung von Organisation und Intensivierung der Arbeit weiter einzuschränken (Meliorismus). In der Konsequenz führte dies zu dem ungeheuren Produktionsschub der modernen Industrie, zugleich aber zu einer zunehmenden Belastung von Individuen (Stress) und Lebenszusammenhängen. Parallel zur Intensivierung der Arbeitszeit lässt sich freilich seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auch ein Prozess sich ausweitender Freizeit beobachten, ja diese kann als industriegesellschaftlich organisierte komplementäre Zeitform zur Arbeitszeit aufgefasst werden, deren Zunahme zugleich die allgemeine Durchsetzung industriegesellschaftlicher Zeitökonomie belegt.

Bewertung und Strukturierung der Zeit stehen bis heute im Bann des industriegesellschaftlichen Modells, auch da, wo dieses – etwa unter den Schlagworten »Ende der Arbeitsgesellschaft« oder »postindustrielle Gesellschaft« – selbst zur Disposition steht. Die gegenwärtige Situation ist zum einen davon gekennzeichnet, dass sich – sowohl innerhalb einzelner Gesellschaften nach sozialen Lagen als auch global in unterschiedlichen industriegesellschaftlichen Entwicklungsphasen – unterschiedliche Zeitstrukturen überlagern; zum anderen bedarf es gerade in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften neuer Wege und entsprechender Orientierungs- und Bewertungsmuster für gesellschaftlich vermittelte Zeiterfahrungen, wodurch unter Umständen auch vormoderne beziehungsweise von der Moderne ausgeschlossene Zeitformen und Zeitökonomien wieder attraktiv werden können. Neue Formen der Verbindung individueller und sozialer Zeitvorstellungen werden von »Zeitpionieren« erprobt (etwa durch Teilzeitmodelle im Wochen-, Monats- oder Jahresrhythmus, Altersteilzeit-, Vorruhestandsregelungen, Arbeitszeitkonten, »Sabbatjahr«); zugleich müssen neue Modelle sozialer Sicherheit gefunden werden. Auch diese Entwicklung beleuchtet die zentrale Bedeutung der Zeit als sozial und lebensgeschichtlich maßgebliche, gleichwohl durch Knappheit ebenso wie durch Sinnentleerung bedrohte Ressource und damit als unhintergehbaren Orientierungsrahmen.

Werke

Weiterführende Literatur:

Philosophie und Kulturwissenschaften:

W. Lepenies: Das Ende der Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. u. 19. Jahrhunderts (1978);
W. Bergmann: Die Zeitstrukturen sozialer Systeme (1981);
Augenblick u. Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur u. Zeitmetaphorik in Kunst u. Wissenschaft, hg. v. C. W. Thomsen (1984);
G. Schmied: Soziale Zeit (1985);
R. Wendorff: Zeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewusstseins in Europa (31985);
Im Netz der Zeit, hg. v. R. Wendorff (1989);
F.-W. v. Herrmann: Augustinus u. die phänomenologische Frage nach der Zeit (1992);
K. H. Manzke: Ewigkeit u. Zeitlichkeit. Aspekte für eine theologische Deutung der Zeit(1992);
J. T. Fraser: Die Zeit. Auf den Spuren eines vertrauten u. doch fremden Phänomens(aus dem Amerikanischen, Neuausgabe 31993);
M. Eliade: Kosmos u. Geschichte (aus dem Französischen, 1994; Nachdruck 2000);
F. Cramer: Der Zeitbaum. Grundlegung einer allgemeinen Zeittheorie (Neuausgabe 1996);
Das Rätsel der Zeit. Philosophische Analysen, hg. v. H. M. Baumgartner (21996);
Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung, hg. v. T. Ehlert (1997);
G. Dux: Die Zeit in der Geschichte (Neuausgabe 21998);
K. Kirchmann: Verdichtung, Weltverlust u. Zeitdruck. Grundzüge einer Theorie der Interdependenzen v. Medien, Zeit und Geschwindigkeit im neuzeitlichen Zivilisationsprozess (1998);
Was treibt die Zeit? Entwicklung u. Herrschaft der Zeit in Wissenschaft, Technik u. Religion, hg. v. K. Weis (1998);
G. J. Whitrow: Die Erfindung der Zeit (aus dem Englischen, 1999);
Hans Maier: Die christliche Zeitrechnung (52000);
H. Blumenberg: Lebenszeit u. Weltzeit (2001);
Der Sinn der Zeit, hg. v. E. Angehrn u. a. (2002);
A. Jackelén: Zeit und Ewigkeit (2002);
C. Westphal: Von der Philosophie zur Physik der Raumzeit (2002);
Zeit im Wandel der Zeit, hg. v. H.-J. Bieber (2002);
Zeit deuten. Perspektiven, Epochen, Paradigmen, hg. v. J. Rüsen (2003);
T. Fink u. D. Giulini: Am Anfang war die Ewigkeit. Auf der Suche nach dem Ursprung der Zeit (2004);
F. Jullien: Über die »Zeit«. Elemente einer Philosophie des Lebens (aus dem Französischen, Zürich u. a. 2004);
H. Weinrich: Knappe Zeit. Kunst u. Ökonomie des befristeten Lebens (2004);
T. Streubel: Das Wesen der Zeit. Zeit und Bewußtsein bei Augustinus, Kant und Husserl (2006);
Klassiker der modernen Zeitphilosophie, hg. v. W. C. Zimmerli u. M. Sandbothe (22007);
H. LenzUniversalgeschichte der Zeit (22013).

Naturwissenschaften:

H.-D. Zeh: Die Physik der Zeitrichtung (1984);
B. Gal-Or: Cosmology, physics and philosophy (New York 21987);
P. Mittelstaedt: Der Zeitbegriff in der Physik (31989; Nachdruck 1996);
I. Prigogine: Vom Sein zum Werden. Zeit und Komplexität in den Naturwissenschaften(aus dem Englischen, 61992);
H. Weyl u. I. Stengers: Das Paradox der Zeit. Zeit, Chaos u. Quanten(aus dem Englischen, 1993);
H. Weyl: Raum, Zeit, Materie (81993);
P. Mittelstaedt: Die Zeitbegriffe in der Physik (1996);
S. W. Hawking u. R. Penrose: Raum und Zeit (aus dem Englischen, 2000);
F. W. Seemann: Was ist Zeit? (22002);
B. Greene: Der Stoff, aus dem der Kosmos ist. Raum, Zeit und die Beschaffenheit der Wirklichkeit (aus dem Englischen, 2004);
S. W. Hawking: Das Universum in der Nussschale (aus dem Englischen, 2003);
derselbe: Eine illustrierte kurze Geschichte der Zeit (aus dem Englischen, Neuausgabe 2004);
derselbe: Einsteins Traum. Expeditionen an die Grenzen der Raumzeit (aus dem Englischen, Neuausgabe 2005);
derselbe u. L. Mlodinow: Die kürzeste Geschichte der Zeit (aus dem Englischen, 2005);
The Oxford handbook of philosophy and time, hg. v. C. Callendar (2011);

 

Artikel aus der Brockhaus Enzyklopädie.

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