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Nikolaus von Myra

Nikolaus von Myra [auch ˈniː-], Bischof von Myra (Lykien), * Patara (Lykien) um 270, † um 342; soll während der Christenverfolgung gefangen genommen worden sein, später jedoch am Konzil von Nicäa (325) teilgenommen haben. Um seine Gestalt ranken sich zahlreiche Legenden, in die auch Züge aus den Lebensgeschichten gleichnamiger Heiliger, z. B. des Abtes Nikolaus von Sion (6. Jahrhundert), eingegangen sind. Die verschiedenen Stränge sind heute nicht mehr zu entwirren. Daher handelt es sich bei Nikolaus von Myra faktisch nicht um eine historische Persönlichkeit, sondern um eine kompilierte Kunstfigur. – Heiliger; Schutzpatron zahlreicher Berufsgruppen (z. B. Bäcker, Bauern, Bierbrauer, Schnapsbrenner, Kaufleute, Seefahrer); in der Volksfrömmigkeit der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche (besonders in Russland) einer der meistverehrten Heiligen; Tag: 6. 12. (Nikolaustag, Nikolausfest).

Russische Ikone »Heiliger Nikolaus mit Vita« (frühes 15. Jh.; Jaroslawl, Staatliches Kunstmuseum)

Volkskultur und Brauch

Auslösendes Moment für die Popularität des Nikolaus von Myra, in der sich volksfrömmig-kirchliche Verehrung und Legendenbildung gegenseitig bedingen, war die legendenhafte Translokation eines seiner Fingerglieder durch einen französischen Kaufmann nach Lothringen, in deren Folge eine Kathedrale in Saint-Nicolas-de-Port entstand, die nach 1150 zur bedeutendsten Nikolaus-Wallfahrtsstätte nördlich der Alpen wurde. Im 10. und 11. Jahrhundert kam es dort zu einer sprunghaften Zunahme der Nikolauspatronate für Kirchen, Kapellen und Klöster. Im 12. Jahrhundert entstanden erste volkssprachliche Fassungen des Nikolauslebens.

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Auch die Wundergeschichte von der Aufweckung von drei fahrende Scholaren, die auf ihrer Reise von einem Wirt ermordet und in einem Fass eingepökelt worden waren, wird erst seit dieser Zeit überliefert. Aufgrund dieser Legende ist Nikolaus von Myra, ausgehend von Frankreich, seit dem 12. Jahrhundert der Patron v. a. der Kinder und Schüler. Im Anschluss an die Legende entwickelte sich das Knabenbischofsfest der spätmittelalterlichen Klosterschulen: Am 6. 12. wurde unter den Schülern ein Kinderbischof gewählt, der für 24 Stunden die Herrschaft übernahm. Bei diesem Kinderbischofsspiel begegnet das Narrenbild einer verkehrten Welt: Im Spiel übernehmen Schüler bischöfliche Amtspflichten und hüllen sich sogar in liturgische Gewänder. Durch die Verlagerung des Kinderbischofsspiels vom 28. (Tag der Unschuldigen Kinder) auf den 6. 12. wurde Sankt Nikolaus zum Beschertag für die Kinder.Nikolaus von Myra gilt auch als Patron der Seefahrer, weil er während des Konzils von Nicäa einem in Seenot befindlichen Schiff erschienen sein und es gerettet haben soll. Daher greifen auch Hafenstädte auf Nikolaus von Myra als Schutzheiligen zurück, u. a. Amsterdam und dessen Tochtergründung New York, dessen Patron Santa Claus wurde.Nikolaus von Myra, Bekämpfer des Bösen, wird beim Einkehrbrauch (ab Mitte des 17. Jahrhunderts), bei dem die Kinder geprüft und anschließend belohnt oder bestraft werden, ein gebändigter Teufel als Knecht beigegeben, der (je nach Landschaft) Ruprecht, Krampus, Kinderfresser, in tierischer Gestalt Klapperbock und Habergeiß genannt wird. Bei den Nikolausspielen des Alpenraumes und den Lärmumzügen (seit Anfang des 15. Jahrhunderts) entwickelten sich weitere Schreckgestalten. Der Einlegebrauch, bei dem Nikolaus seine Gaben in die bereitgestellten Schuhe der Kinder legt, ist seit Beginn des 16. Jahrhunderts bekannt und entwickelte sich aus der Legende von den drei armen Jungfrauen, die durch ein Geschenk des Nikolaus (drei goldene Äpfel) vor der Prostitution bewahrt blieben.

Im Protestantismus, der die Heiligenverehrung ablehnt, übernahm im 16. Jahrhundert das Christkind die Funktion des Nikolaus als Gabenbringer. Im 19. Jahrhundert erfuhr der Nikolausbrauch eine wesentliche Veränderung: Züge des Kinderschrecks Ruprecht und des Kinderfreundes Nikolaus wurden in der Autoritätsfigur des Weihnachtsmannes vereint, dessen Vorbild die von M. von Schwind 1847 für den »Münchner Bilderbogen« entworfene Figur des »Herrn Winter« ist. Auf diese Weise wurde Nikolaus von Myra zum Instrument bürgerlicher Pädagogik und mit seinen Begleitern als Disziplinierungselement eingesetzt. Seitdem fungiert der verkleidete Nikolaus von Myra im privaten Bereich als geheimnisvoller Visitator, der Kinder tadelt und straft. Bis Ende des 20. Jahrhunderts trug die Figur des Nikolaus von Myra wieder zur Verdrängung des Christkinds bei. (Weihnachten)

Die Allgemeinverbindlichkeit des Gedenktages des Nikolaus von Myra wurde 1969 aus dem Generalkalender der katholischen Kirche gestrichen. Das Phänomen Nikolaus von Myra kennt heute faktisch zwei Tendenzen: eine folkloristische Inszenierung vermeintlich alter Traditionen wie beim Klausenjagen im schweizerischen Küssnacht und ferner eine starke Kommerzialisierung, wobei die Figuren und die Motive des Nikolaus von Myra und des Weihnachtsmannes weder von der Süßwarenindustrie noch im allgemeinen Bewusstsein trennscharf geschieden werden.

Bildende Kunst

In der Kunst des Westens wird Nikolaus von Myra anfänglich nach byzantinischem Vorbild als barhäuptiger Greis mit Bischofsmantel und Buch dargestellt, später auch mit Bischofsstab und Mitra. Seit dem 12. Jahrhundert gehört er in der russischen Kunst zu den am häufigsten auf Ikonen dargestellten Heiligen. Im Westen erscheint er vielfach in legendarischen Szenen, die auch zu Zyklen zusammengefasst werden (Glasfenster im südlichen Seitenschiff des Münsters in Freiburg im Breisgau, 14. Jahrhundert; Predella des Quaratesi-Polyptychons von Gentile da Fabriano, 1425, Rom, Vatikanische Sammlungen). Das 17. Jahrhundert kennt profane Darstellungen wie die des Nikolausfestes (J. Steen u. a.).

Werke

Weiterführende Literatur:

K. Meisen: Nikolauskult u. Nikolausbrauch im Abendlande (1931; Nachdruck 1981);
S. Metken: Sankt Nikolaus in Kunst u. Volksbrauch (1966);
C. W. Jones: Saint Nicholas of Myra, Bari and Manhattan. Biography of a legend(Chicago, Illinois, 1978);
L. Heiser: Nikolaus von Myra: Heiliger der ungeteilten Christenheit (1978);
C. Méchin: Sankt Nikolaus: Feste u. Brauchtum in Vergangenheit u. Gegenwart (aus dem Französischen, 1982);
Rüdiger Müller u. N. Loose: Sankt Nikolaus (1982);
W. Mezger: Sankt Nikolaus. Zwischen Kult u. Klamauk. Zur Entstehung, Entwicklung u. Veränderung der Brauchformen um einen populären Heiligen (1993);
Faszination Nikolaus. Kult, Brauch u. Kommerz, hg. v. A. Döring (2001);
J. Rosenthal: Rote Mütze, weißer Bart. Sankt Nikolaus – ein Phänomen (2002);
M. Becker-Huberti: Der heilige Nikolaus. Leben, Legende u. Bräuche (2005);
R. Abeln: Der heilige Nikolaus: Leben – Legenden – Bedeutung (2011).

 

Artikel aus der Brockhaus Enzyklopädie.

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