NE GmbH Brockhaus

Neunter November

Neunter Novemberereignis- und symbolbehaftetes Datum der deutschen Geschichte, in dem sich im Zufall historischen Geschehens Verlauf und Zwiespältigkeit des 20. Jahrhunderts spiegelt, und das, weil es sinngebend für verschiedene Brüche und Zäsuren steht, im deutschen und europäischen Identitätsbewusstsein bedeutsam geworden ist: Vom Ende des Ersten Weltkriegs, der »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts (G. Kennan) und Ursprung aller das Jahrhundert prägenden totalitären Ideologien, bis zum Ende des Kommunismus kreuzen sich in dem Datum mehrfach die demokratische und die nicht demokratische Entwicklungslinie deutscher und europäischer Geschichte der jüngsten Zeit. Im kollektiven Gedächtnis der deutschen Gesellschaft erscheint der Tag v. a. durch die Ereignisse von 1938 und 1989 als den beiden extremen Polen deutscher Geschichte im »Jahrhundert der Extreme« (E. Hobsbawm) geprägt.

Mit dem Novemberpogrom vom 9. auf den 10. 11. 1938, begann im Deutschen Reich die organisierte, gewaltsame Verfolgung der Juden.

Ausrufung der Republik: Am 9.11. 1918, zwei Tage vor Unterzeichnung des Waffenstillstands mit den Alliierten im Wald von Compiègne, kam es mit dem Ausbruch der Novemberrevolution im Deutschen Reich zur Abdankung Kaiser Wilhelms II. sowie der meisten Fürsten in den deutschen Ländern; Deutschland wurde Republik: Der Sozialdemokrat P. Scheidemann proklamierte sie gegen 14 Uhr eigenmächtig, vom Jubel der versammelten Massen mitgerissen, am Reichstag in Berlin – ohne Rücksprache mit F. Ebert, der dazu nur eine verfassungsgebende Versammlung für befugt hielt; nur wenig später rief der Spartakist K. Liebknecht vor dem Berliner Schloss die »freie sozialistische Republik« aus, um anschließend vom Balkon des Schlosses zur »Weltrevolution« nach bolschewistischem Vorbild aufzurufen.

Sie wollen mehr geprüftes Wissen?

Jetzt 14 Tage testen
Die Weimarer Republik, v. a. von der bisherigen Opposition, den Mehrheitssozialisten um F. Ebert (ab 9. 11. 1918 Reichskanzler) getragen, entstanden aus einer militärischen Niederlage, dazu von den alliierten Siegern mit dem moralischen Makel der Kriegsschuld sowie Reparationszahlungen belastet, blieb von Beginn an eine gefährdete Demokratie. Die deutsche Bevölkerung erlebte bis 1923 eine Inflation, die alle bürgerliche Lebenssicherheit vernichtete, und ab 1929/30 eine Weltwirtschaftskrise, die den Aufstieg der totalitären Kräfte (NationalsozialismusKommunismus) beförderte.Hitlerputsch: Mit dem Hitlerputsch am 8. und 9. 11. 1923scheiterte ein erster Versuch der NSDAP und der im »Deutschen Kampfbund« zusammengeschlossenen nationalistischen Verbände unter A. Hitler und dem früheren General E. Ludendorff, die deutsche Reichsregierung und damit die ungeliebte Weimarer Republik zu stürzen (gleichzeitig auch die bayerische Landesregierung) sowie mit einem »Marsch auf Berlin« (nach dem Vorbild Mussolinis) die Errichtung einer Rechtsdiktatur in Deutschland zu erzwingen. Nach Änderung der Taktik – Hinwendung zu legalen Methoden der »Machtergreifung« – wurde Hitler am 31. 1. 1933 zum Reichskanzler ernannt und konnte relativ schnell die NS-Diktatur errichten.

Novemberpogrom: Mit dem organisierten Novemberpogrom in Deutschland und Österreich in der Nacht vom 9. zum 10. 11. 1938, der »(Reichs-)Kristallnacht«, leitete die NS-Führung den Übergang zur offenen Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und Österreich ein, die in die organisierte Massenverfolgung und -ermordung der Juden Europas mündete, die ab 1941 den Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg im Osten begleitete (Holocaust); am Ende des Zweiten Weltkriegs(8. 5. 1945) lag Deutschland in Trümmern und wurde geteilt. Im westlichen Teil, in der Bonner Bundesrepublik, vollzog sich der Übergang in eine freiheitliche demokratische Grundordnung; in der DDR wurde mit dem Parteiregime der SED die »zweite deutsche Diktatur« errichtet, die wesentlich durch Abschottung und Abriegelung gegenüber dem Westen und der Bundesrepublik Deutschland gekennzeichnet blieb.

»Fall der Mauer«: Am frühen Abend des 9. 11. 1989 löste das Politbüro-Mitglied der SED G. Schabowski mit seiner vorzeitig auf einer Pressekonferenz verlesenen Mitteilung zu einer neuen Ausreiseregelung der DDR-Regierung, zu der sich die DDR-Führung durch die seit Sommer 1989 anhaltende Fluchtbewegung gezwungen sah und die fortan die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland regeln sollte (»Westreisen für alle«), ungewollt einen breiten Zustrom auf die Grenzübergangsstellen an der Berliner Mauer und bald auch an der innerdeutschen Grenze aus. An den DDR-Grenzübergangsstellen war jedoch (noch) niemand auf diese Situation vorbereitet. So kam es zur überraschenden und von den an den Übergangsstellen versammelten Menschenmassen de facto erzwungenen Öffnung der Grenzen; die friedliche Revolution in der DDR ging in ihre nationaldemokratische Phase über, die bald eine neue deutliche Richtung nahm: Wiederherstellung der deutschen Einheit zum 3. 10. 1990 (als Vorstufe der europäischen Einigung) und Herstellung demokratischer Verhältnisse in ganz Deutschland (deutsche Geschichte).

 

Literatur

Koch, J.Der 9. November in der deutschen Geschichte (2009)
Willms, J. (Hrsg.)Der 9. November (1995)

 

Artikel aus der Brockhaus Enzyklopädie.

zur Enzyklopädie