Lawine

Lawine [ladinisch lavina, von mittellateinisch labina, zu lateinisch labi »gleiten«] die, -/-n, in der Schweiz Laue,Laui die, -/-n, in Tirol und Bayern Lahn die, -/-en.

Am Hang rasch abgleitendes oder abstürzendes Material, im Allgemeinen Schnee, seltener Eis, Schutt, Steine mit einem Versatzbetrag von über 50 m. Voraussetzungen und Ursachen von Schneelawinen sind steile, im Allgemeinen waldfreie Hänge von mindestens 20° Neigung und eine schichtweise ungenügend verfestigte oder am Boden schlecht haftende Schneedecke. Erhöhte Lawinengefahr besteht während oder nach starken Schneefällen oder bei Tauwetter und tief greifender Erwärmung der Schneedecke: Wind verursacht in der Regel eine Erhöhung der Gefahr durch Schneeumlagerung (Triebschnee). Lawinen entstehen zumeist ohne menschliche Einwirkung, können aber auch beim Betreten lawinengefährdeter Hänge (Skifahrer; Wild), bisweilen auch schon durch einen lauten Ruf ausgelöst werden.

Schneelawinen können große Katastrophen verursachen, wenn sie auf Menschen oder Gebäude treffen.

Untergliederung des Lawinenbereichs: Der Lawinenbereich teilt sich in der Regel in den Anriss, die Sturzbahn und den Lawinenkegel. Nach der Anrissform werden Schneebrett- und Lockerschneelawinen (beide Formen trocken oder nass) unterschieden. Eine Schneebrettlawine entsteht durch plötzliche Ablösung einer Schneetafel, die beim Abgleiten in Schollen zerfällt (oft durch Skifahrer ausgelöst). Die Lockerschneelawineentwickelt ihre Bewegung von einem Punkt der Oberfläche aus, wobei sie an Breite und Tiefe zunimmt (typische Birnenform).

Weitere Unterscheidung nach Lawinentyp: Nach der Bewegungsform werden Fließlawinen und Staublawinen unterschieden. Die Fließlawine hat eine vorwiegend fließende Bewegung, dem Boden folgend, kann trocken oder nass sein (Geschwindigkeit bis etwa 40 m/s). Die Staublawine weist eine vorwiegend stiebende Bewegung durch die Luft infolge zunehmender Aufwirbelung des Schnees auf und ist trocken (Geschwindigkeit 15 bis maximal 85 m/s). Die gefürchtete Druck- oder Sogwirkung von abstürzenden Lawinenmassen hängt von der Dichte und der Geschwindigkeit des Lawinenschnees ab (in großen Fließlawinen häufig bis zu 500 kN je m2, was rd. 50 t pro m2 entspricht). Staublawinen erreichen in der Sturzbahn wohl große Geschwindigkeiten, ihre Gewalt ist aber wegen der geringeren Schneedichte oft geringer als bei Fließlawinen. Die Grundlawine ist eine große, nasse Fließlawine, oft von Erde und Geröll durchsetzt. Sie entsteht vorwiegend im Frühjahr bei Durchnässung der gesamten Schneedecke und fährt meistens als geschlossene, sich verdichtende Schneemasse zu Tal.

Viele größere Lawinen haben bekannte Bahnen (Lawinenzüge, Lawinentobel, Lawinengassen, Lahngänge, in Tirol Lahner), z. B. »Spreitlaui«, »Bachertallahn«.

Sie wollen mehr geprüftes Wissen?

Natürlicher und baulicher Lawinenschutz: Den besten natürlichen Lawinenschutz bieten ablenkende Geländeformen oder geschlossene Waldbestände im Anrissgebiet (Bannwald). Wo diese fehlen, sucht man Dörfer, Straßen u. a. durch feine Schneenetze oder massive Lawinenverbauung zu sichern. Man unterscheidet Stützverbau in der Anrisszone, Ablenkverbau(Galerien, Lenkmauern) und Bremsverbau (Bremshöcker, Fangdämme) in der Sturzbahn und im Ablagerungsgebiet. Durch sachgerechtes künstliches Auslösen der Lawinen (meist durch Sprengung oder Beschuss) kann die Lawinengefahr örtlich verringert werden. Durch zahlreiche Messstationen wird in den Alpenländern die Lawinengefahr in einer fünfstufigen Gefahrenskala erfasst.

 

Schutzgitter sollen den Abgang von Lawinen vermeiden.

 

Jährlich fallen in Europa etwa 150 Menschen den Lawinen zum Opfer, indem sie bei Lawinenabgängen durch den Aufprall an Felsen oder Bäumen getötet (etwa 20 %) oder unter dem Gewicht der Schneemassen (1 m3 trockener Pulverschnee wiegt bis zu 40 kg, die gleiche Menge nasser Altschnee bis zu 500 kg) begraben werden und nach kurzer Zeit ersticken (nach 20 Minuten etwa die Hälfte der Verschütteten). Schnelle Rettungsaktionen sind unumgänglich. Wichtige Geräte zur Suche nach Verschütteten sind Lawinensonden (meist etwa 3 m lange, zusammensteckbare Metallstäbe) sowie elektronische Hilfsgeräte (Sender). Daneben werden Lawinensuchhunde (heute v. a. Schäferhunde) eingesetzt.

 

Nach einer Lawine suchen Bergretter mit Hilfe von Spürhunden nach Verschütteten.

 

Die in jüngster Zeit erfolgte Einführung von »Airbag-Ballons« (Avalanche Airbag System) im Touristengepäck soll eine Verschüttung in großer Tiefe verhindern und durch eine oberflächennahe Lage in der Lawine eine größere Rettungschance herbeiführen, was durch statistische Untersuchungen (jedoch mit geringer Fallzahl) bislang bestätigt wurde. Zentrum der Lawinenforschung in Mitteleuropa ist das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos (Schweiz).

Literatur

F. Wilhelm, Schnee- und Gletscherkunde (1975)
A. Gayl, Lawinen (51982)
M. Schild, Lawinen (Neuausgabe 1982)
W. Munter, Lawinenkunde für Skifahrer u. Bergsteiger (Bern 21984)
Derselbe, Neue Lawinenkunde (ebenda 21992)
K. Gabl u. B. Lackinger (Hrsg.), Lawinen-Handbuch (Innsbruck u. a. 72000)
E. Roth, Lawinen verstehen, vermeiden, Praxistipps (München 2013)

 

 

Artikel aus der Brockhaus Enzyklopädie.