NE GmbH Brockhaus

Josef und Maria

Autor Peter Turrini

Stück in einem Akt

UA 7. November 1980 Graz, »steirischer herbst« Gastspiel des Wiener Volkstheaters (Regie: Gerd Heinz)

Personen

Maria 65 Jahre, Putzfrau

Josef 68 Jahre, bei einer Wach- und Schließgesellschaft

Handlung

Verkaufshalle eines großen Warenhauses, am Abend eines 24. Dezember, 1980er-Jahre.

Nach Ladenschluss ist nur noch die Putzfrau Maria in dem Großkaufhaus. Durch ihre Durchsagen über die Kaufhauslautsprecher – sie wünscht ihrem Sohn und seiner Familie frohe Weihnachten – wird Josef, ein Mann von der Wach- und Schließgesellschaft, auf sie aufmerksam.

Zwischen den beiden einsamen alten Menschen entwickelt sich langsam ein Gespräch. Anfangs sind es nur wechselseitige Monologe, er erzählt von seinen früheren Berufen und seinen politischen Aktivitäten als Kommunist, sie von ihrer Vergangenheit als Varietétänzerin und von der ihr verhassten Schwiegertochter. Allmählich kommen sich die beiden näher, trinken Weinbrand aus den Beständen des Warenhauses. Beschwipst sprechen sie in die Lautsprecheranlage, legen dann eine Tangoplatte auf und tanzen dazu. Zuletzt legen sie sich in ein Warenhausbett und spielen das alte Kinderspiel »Weltverschwinden«: Man macht die Augen fest zu und hält den Atem an, und wenn man sie wieder aufmacht, »geschieht das, was man sich immer wünscht«.

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Über das Werk

Die beiden Personen des Stücks haben konkrete historische Vorbilder: die Varietétänzerin Mia Ritter und den kommunistischen Aktivisten Franz Konvalin, mit denen Turrini lange Gespräche führte. »Ich wollte«, so der Autor, »kein Stück »über« alte Menschen schreiben. Ich wollte ihre Geschichten, ihre Erzählungen, ihre Erinnerungen aufnehmen und annehmen. Meine Aufgabe als Dramatiker bestand darin, diese Geschichten auszuwählen, zu ordnen und zwei alte Menschen in eine dramatische Situation zu bringen.«

Das Stück entstand nach einer sechsjährigen Theaterpause, in der Turrini hauptsächlich für das Fernsehen gearbeitet hatte. In dieser Zeit hat sich seine Einstellung zum Schreiben stark geändert: »Ich verstehe meine Arbeit als Schriftsteller immer mehr als ein Einlassen in die Widersprüchlichkeiten der menschlichen Existenz. Ich habe immer weniger »Meinungen« über Menschen, aber immer mehr Interesse, sie zu erfahren und darzustellen.« Weniger spektakulär als seine ersten Erfolgsstücke »Rozznjogd« und »Sauschlachten«, ist »Josef und Maria« – der Titel ist eine Anspielung auf die biblische Weihnachtsgeschichte – eine differenzierte psychologische Studie über die Einsamkeit und die Sehnsüchte alter Menschen. In den letzten Jahren haben mehrere Ensembles mit großem Erfolg das Stück, eines der meistgespielten Turrinis, an »Originalschauplätze«, eben in Kaufhäuser, verlegt. 1992 inszenierte es Ernst M. Binder in einem Grazer Kaufhaus, im selben Jahr spielte das Schauspiel Frankfurt (Regie: Stefan Brün) im Hertie-Kaufhaus und 1994 das Theater Erfurt (Regie: Götz Brandt) in einer Filiale desselben Konzerns.

 

Artikel aus der Brockhaus Enzyklopädie.

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