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Jesus Christus

Jesus Christus [-kr-], zentrale Gestalt des Christentums. Der Name setzt sich zusammen aus der griechischen Form des jüdischen Eigennamens Jeschua (Kurzform von Josua, hebräisch »Jahwe ist Heil«) und dem Beinamen Christus (griechisch christos »der Gesalbte«; Übersetzung des hebräischen Messias), zunächst als Würdetitel, dann als fester Namensbestandteil. Das Bekenntnis zu Jesus als dem »Christus« ist Mittelpunkt des christlichen Glaubens.

Der Jordan, in dem Jesus durch Johannes den Täufer getauft wurde, ist bis heute ein bevorzugtes Ziel christlicher Pilgerfahrten.

Quellen

Wichtigste Quellen für Leben und Lehre Jesu sind die zwischen 65 und 100 n. Chr. in griechischer Sprache verfassten Evangelien des Neuen Testaments (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes), deren Gegenstand jedoch weniger der »historische Jesus«, als vielmehr der »Christus des Glaubens« ist. Nicht als historische Dokumente, sondern als Glaubenszeugnisse wollen sie die »Gute Botschaft« (das Evangelium) von Leben, Tod und Auferstehung Jesu vermitteln. Sie spiegeln die Überzeugung der nach Jesu Tod entstandenen christlichen Gemeinden, in Jesus den Erfüller ihrer soteriologischen Hoffnungen erfahren zu haben. Die Verfasser der Evangelien waren nicht selbst Zeugen des Geschehens um Jesus, sondern berufen sich auf eine längere mündliche Tradition und bieten insgesamt ein vielschichtiges Jesusbild. Matthäus, Markus und Lukas weisen dabei in Textauswahl und Aufbau weitgehende Übereinstimmungen auf und lassen sich »synoptisch« (Synoptiker) miteinander vergleichen (Zweiquellentheorie), während Johannes theologisch und literarisch eine Sonderstellung einnimmt. Allen gemeinsam ist ihr kerygmatischer Charakter: Die historischen Gegebenheiten werden theologisch interpretiert und in den Dienst der Verkündigung gestellt. Für eine Rekonstruktion des Lebens Jesu sind die Evangelien also nur unter diesem Vorbehalt zu gebrauchen (Leben-Jesu-Forschung); sie sind jedoch die einzigen Quellen, aus denen sich überhaupt nähere Hinweise auf Leben und Wirken Jesu erschließen lassen. Die übrigen Schriften des Neuen Testaments sind aufgrund ihrer theologischen Fragestellung (Paulusbriefe) und ihrer gesamtgeschichtlichen Perspektive (Apostelgeschichte) nicht an historischen Details des Lebens Jesu interessiert. Auch außerbiblische Quellen liefern keine weiteren Erkenntnisse, belegen aber die historische Existenz JesuTacitus berichtet in seinen »Annalen« (Buch 15, 44) im Anschluss an die Darstellung des Brandes von Rom unter Nero (64 n. Chr.) über die christliche Gemeinde und ihren Gründer: »Der Stifter dieser Sekte, Christus, ist unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden«. Sueton (»Vita Claudii«, Kapitel 25, 4) und Plinius der Jüngere (»Epistola ad Traianum«, 94–97) erwähnen ebenfalls »Christus« ohne biografische Einzelheiten. Der Hinweis bei Josephus Flavius auf Jesus Christus als Initiator einer jüdischen Sekte ist wahrscheinlich eine spätere Interpolation.

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Zeitgeschichtlicher Hintergrund und religiöses Umfeld

Seit der Eroberung Jerusalems durch Pompeius (63 v. Chr.) unterstand Palästina der römischen Oberherrschaft. 43 v. Chr. ernannte der römische Senat Herodes den Großen zum König von Judäa; er trat 37 v. Chr. seine Regentschaft an und zeichnete sich durch unbedingte Romtreue aus. Sein Territorium erstreckte sich auf Judäa, Samaria, Galiläa, einen Küstenstreifen und einige Teile des Ostjordanlandes. Nach seinem Tod (4 v. Chr.) wurde das Land unter seine Söhne aufgeteilt. Nachdem Archelaus 6 n. Chr. von Rom seines Amtes enthoben und nach Gallien verbannt worden war, verwaltete ein römischer Prokurator die Provinz Judäa und Samaria. Im Kontext von Jesu Leben und Tod wurde besonders der fünfte Prokurator, Pontius Pilatus (26–36 n. Chr.), gefürchtet wegen seiner Grausamkeiten, bekannt.

Die religiösen Verhältnisse zur Zeit Jesu müssen innerhalb dieses politischen Rahmens gesehen werden. Die Juden, die bereits seit dem Babylonischen Exil (587/86–538 v. Chr.) ohne eigenen Staat lebten, hatten in der Zeit der Herrschaft der Hasmonäer nach unruhigen Jahren mit permanenten Aufständen (167–63 v. Chr.) eine eingeschränkte Selbstständigkeit erreicht, die zur Zeit Jesu noch fortdauerte. Der »Hohepriester« galt als höchster Repräsentant des jüdischen Volkes und war gleichzeitig Vorsitzender des Synedrions (»Hoher Rat«), dem höchsten nachexilischen Selbstverwaltungsorgan, mit eigener Gerichtsbarkeit. Von 6 bis 15 n. Chr. hatte Hannas dieses Amt inne, gefolgt von seinem Schwiegersohn Kajaphas (18–36 n. Chr.). Das Synedrion war ausschließlich mit religiösen und zivilrechtlichen Angelegenheiten befasst; politische Entscheidungen oblagen der römischen Verwaltung.

Die Auseinandersetzung mit der als Fremdherrschaft erfahrenen hellenistischen Umwelt prägte gleichermaßen das politische wie religiöse Selbstverständnis der Juden. Charakteristisch für das religiöse Leben zur Zeit Jesu, das v. a. von den verschiedenen »Religionsparteien« (Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Zeloten) getragen wurde, sind zum einen eine rigorose Gesetzesfrömmigkeit im ethischen wie kultischen Bereich (Speisegesetze und Reinheitsgebote hatten nahezu den gleichen Stellenwert wie ethische Vorschriften) sowie eine Aufwertung des Kultes (Betonung der Heiligkeit des Tempels und der heiligen Stadt Jerusalem), zum andern das Anwachsen apokalyptischer Strömungen. Die Apokalyptik mit ihrer Naherwartung des kommenden Weltgerichts und die mit ihr verbundene Erwartung eines politischen und eschatologischen Messias bildet den geistesgeschichtlichen Hintergrund des Wirkens Jesu.

Das Leben Jesu

Aus den historisch eruierbaren Daten der Zeitgeschichte Jesuund den innerbiblischen Verweisen lassen sich einige Fixpunkte und eine ungefähre Chronologie erschließen. Als Heimatort Jesugilt das galiläische Nazareth (Markus 1, 9; Matthäus 2, 23; 4, 13; 21, 11; Lukas 1, 26; 2, 4.39.51); mehrmals wird Jesus »Nazarener« genannt (Markus 1, 24; 10, 47; 14, 67; 16, 6). Der Verweis der Kindheitsgeschichten auf Bethlehem als Geburtsort (Matthäus 2, 1–12; Lukas 2, 1–20) ist nicht als geografische Ortsangabe, sondern als messianische »Interpretation« zu verstehen, als Erfüllung der alttestamentlichen Prophezeiung in Micha 5, 1: »Du aber, Bethlehem in Ephrata, klein unter den Gauen Judas, aus dir soll einer hervorgehen, um Herrscher in Israel zu sein«. Diesen messianischen Anspruch unterstreichen auch die beiden unterschiedlichen und nicht miteinander in Einklang zu bringenden Stammbäume Jesu (Matthäus 1, 1–17; Lukas 3, 23–38), die die Abstammung Jesu auf David zurückführen. Mutter Jesuist Maria; als Vater wird Joseph genannt (Matthäus 13, 55; Johannes 6, 42). Auch Brüder und Schwestern Jesu werden erwähnt (Markus 6, 3; Matthäus 13, 55 f.). Die im Gegensatz dazu stehenden Aussagen über die Jungfrauengeburt (Matthäus 1, 18–25; Lukas 1, 26–38) haben v. a. theologisch-kerygmatischen Charakter.

Als Geburtsdatum Jesu und als Beginn der christlichen Ära galt lange das Jahr 754 nach der Gründung Roms. Diese auf die Zeitrechnung des römischen Abtes Dionysius Exiguus(6. Jahrhundert) zurückgehende Datierung ist rein fiktiv. Die Geburtsangabe in Lukas 1, 5 nennt die Zeit des Königs Herodes(bis 4 v. Chr.). Die dabei erwähnte Volkszählung ist historisch nicht verifizierbar. Über die Zeit zwischen Kindheit und öffentlichem Auftreten Jesu findet sich im Neuen Testament lediglich die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lukas 2, 41–52), die jedoch theologisch motiviert ist und nicht als historische Information gelten kann.

Ein Datum für den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu ist die Mitteilung in Lukas 3, 1 f. vom Auftreten des Täufers Johannes: »Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers TiberiusPontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch der Ituräa und Trachonitis …; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas«. Rechnet man die Regierungszeit des Kaisers Tiberius von seiner Alleinherrschaft nach dem Tod des Augustus (14 n. Chr.) an, so bezeichnet Lukas mit seiner Zeitangabe die Jahre 28/29 n. Chr. Das Auftreten Jesu stand anfangs in engem Zusammenhang mit der Predigt und Tauftätigkeit des Johannes. Übereinstimmend berichten die Evangelien von einem Konkurrenzverhältnis zwischen Johannes dem Täufer und Jesus. Letzterer war zunächst offenbar ein Schüler des Johannes und ließ sich von ihm taufen (Markus 1, 9–11; Johannes 1, 29–34). Einige Texte enthalten dabei eine implizite Abwertung des Täufers zugunsten der Darstellung Jesu (Matthäus 3, 13–17; Johannes 1, 19–24; 3, 22–26). Fest steht, dass Jesus seine ersten Jünger aus dem Kreis um Johannes sammelte (Johannes 1, 35–51) und neben diesem wirkte (Johannes 3, 22–36; 4, 1 f.).

Bezüglich der Chronologie des öffentlichen Wirkens Jesuenthalten die Evangelien unterschiedliche und einander widersprechende Angaben. Während Johannes drei Passahfeste erwähnt und somit das öffentliche Auftreten Jesu auf 2 12 bis 3 Jahre festlegt, kennt Markus nach der Tätigkeit Jesu in Galiläa mit dem Schwerpunkt in Kapernaum nur eine Jerusalemreise mit einem kürzeren Aufenthalt und der anschließenden Passion. Daraus ergibt sich eine etwa anderthalbjährige Tätigkeit in der Öffentlichkeit.

Als historisch gesichertes Faktum gilt die Hinrichtung Jesu. Der Tod durch Kreuzigung entspricht dabei dem römischen Strafrecht für politische Verbrecher, die selbst nicht römische Staatsbürger waren. Als Grund der Verurteilung kann somit der im Prozess vor Pilatus ausgesprochene Vorwurf, Jesus habe als »König der Juden« gelten wollen, angesehen werden (Markus 15, 2. 9. 12. 18.; Matthäus 27, 11. 29. 37.; Lukas 23, 3. 37. f.; Johannes 18, 33. 37. 39 und Johannes 19, 3. 12. 14.). Das Todesjahr wäre je nach Datierung seines öffentlichen Wirkens etwa 29/31.

Die Verkündigung Jesu

Was die Texte des Neuen Testaments vermitteln, ist die »Sache Jesu«, sein religiöser Anspruch und seine Botschaft, wie diese von seinen Anhängern erfahren und überliefert worden ist. Grundlegend ist dabei die Verwurzelung Jesu in der jüdischen Tradition. Er ist geprägt von der frühjüdischen Apokalyptik mit ihren messianischen Erwartungen und versteht sich als Reformer Israels. Zentrales Thema seiner Botschaft ist das »Reich Gottes«, die »Königsherrschaft Gottes« (griechisch basileia tou theou). In Markus 1, 15 wird seine Predigt in zwei Sätzen zusammengefasst: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nah. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.« Ähnlich wie Johannes der Täufer tritt Jesus als prophetischer Prediger auf; er geht jedoch über die jüdische Tradition hinaus, indem er die jüdischen Motive in seiner Predigt radikalisiert und sich selbst als eschatologische Gestalt, als endzeitlichen Prediger und Heilsmittler versteht. Vor dem Horizont des kommenden »Reiches Gottes«, das nach Jesu Worten schon jetzt angebrochen ist und in seiner Person wirksam wird, schreibt er sich selbst eine soteriologische Funktion zu und fordert zur »Nachfolge« auf (»implizite Christologie«). Es lassen sich jedoch keine messianischen Selbstbezeichnungen Jesu nachweisen, allenfalls hat er von sich in der dritten Person als »dem Menschensohn« gesprochen.

Im Unterschied zu messianischen Strömungen im Judentum ist das von Jesus verkündigte »Reich Gottes« keine politische Größe, sondern meint eschatologisches Heil im umfassendsten Sinn, all das, was die Menschheit als Friede und Glück ersehnt, das Ende des Bösen und den Beginn der Heilszeit. Dieses »Reich Gottes« ist nicht rein zukünftig, sondern wird durch Jesus, in seiner Person und in seinem Wirken schon jetzt zur Geltung gebracht. Für jene, die Jesus »nachfolgen«, bedeutet dies, schon jetzt – ungeachtet der bestehenden Verhältnisse – aus der Gegenwart des göttlichen Heilswillens heraus zu leben. Charakteristisch für die Verkündigung Jesu sind die zahlreichen Gleichnisse, in denen narrativ die Nähe des »Reiches Gottes« beschrieben wird. Der demonstrativen Verstärkung dienen die Wunder Jesu. Über ihren historischen Kern gibt es in der exegetischen Forschung keinen Konsens. Ein großer Teil, weitgehend nach einem in der Antike auch sonst üblichen Schema ausgestaltet, ist der theologischen Interpretation durch die späteren Gemeinden zuzuschreiben. Wahrscheinlich ist jedoch, dass zumindest die »Dämonenaustreibungen« (Markus 1, 21–28; 4, 35–41; 5, 1–20; 9, 14–29) als Zeichen der nahe gekommenen »Königsherrschaft Gottes« und der Überwindung der Herrschaft des Satans auf den historischen Jesuszurückgehen. Das Wirken der Dämonen erscheint dabei v. a. in der inneren Zerstörung des Menschen, die durch Jesu Auftreten und Verhalten aufgehoben wird. Dem entspricht sein unbefangener Umgang mit Menschen aller gesellschaftlichen Schichten und Gruppen, seine Offenheit für Außenseiter und von der Gesellschaft Ausgestoßene und die Freiheit, mit der er sich über religiöse und gesellschaftliche Verdikte hinwegsetzt. Beispiele dafür sind die Erzählung von der Ehebrecherin (Johannes 8, 3–11), die Bemerkung, dass er mit »Zöllnern und Sündern« befreundet sei (Matthäus 11, 19), und mehrere Hinweise auf sein für damalige Verhältnisse außergewöhnlich freies und vorurteilsloses Verhalten gegenüber Frauen (u. a. das theologische Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen, Johannes 4, 5–29). Jesus trat mit dem Anspruch auf, »Macht«, »Vollmacht« (griechisch exousia) zu besitzen, ein Anspruch, der messianische Implikationen in sich barg. Deutlich wird dies in den Drohworten, Entscheidungsrufen, Seligpreisungen und Nachfolgesprüchen, die zum ältesten Überlieferungsgut des Neuen Testaments gehören und nur messianisch verstanden werden können, dann in der Unmittelbarkeit des Gottesverhältnisses Jesu, die in der unbefangenen Anrede Gottes als Vater (»Abba«) zum Ausdruck kommt und in krassem Gegensatz zur jüdischen Reserviertheit gegenüber einer Benennung Gottes überhaupt steht, und nicht zuletzt in seiner Freiheit gegenüber den höchsten religiösen Instanzen seiner eigenen jüdischen Tradition (Thora, Tempel, Kult, Überlieferung). Von daher bestimmt sich auch die jesuanische Ethik, wie sie in der neutestamentlichen Überlieferung zum Ausdruck kommt. Ihr höchstes Prinzip ist die Liebe, die Gottes- und die Nächstenliebe (Matthäus 22, 35–40, Johannes 13, 34 f.), die sich beide schon im Alten Testament finden (5. Mose 6, 4 f., 3. Mose 19, 18), bei Jesus aber zum Angelpunkt jeglicher Frömmigkeit und Ethik werden. Maßstab für jedes ethische Handeln ist das Wohl des Menschen über alle Grenzen und Standesunterschiede hinweg (so etwa im Gleichnis vom barmherzigen Samariter; Lukas 10, 30–36). Konturen gewinnt diese Einstellung v. a. im Vergleich mit der alttestamentlich-jüdischen Gesetzesfrömmigkeit. Das »Gesetz« wird von Jesusnicht abgeschafft, sondern durch das Liebesgebot und eine strikte Orientierung am Menschen radikalisiert und damit erst »erfüllt« (Matthäus 5, 17; vergleiche die Bergpredigt, Matthäus 5–7). Diese »Verschärfung« des Gesetzes durch eine Reduktion auf das für den Menschen Wesentliche bildet die Voraussetzung für die im Frühchristentum dann vollzogene Emanzipation vom jüdischen Gesetz. Die »Freiheit« vom Gesetz wird später ein zentrales Thema der paulinischen Theologie (z. B. Galater 5, 1–6).

Neutestamentliche Christologie

Die ersten Anhänger Jesu fühlten sich durch Jesus selbst und seine Botschaft in ihrem Innersten existenziell angesprochen, »ins Herz getroffen« (Apostelgeschichte 2, 37). Dieses Getroffensein reichte über den Tod Jesu hinaus: Trotz des Scheiterns Jesu verkündigten sie seine Sache weiter und bezeugten damit ihre Erfahrung der bleibenden Geltung der »Sache Jesu«. Der Glaube an die »Auferstehung« (Auferstehung Christi) brachte zum Ausdruck, dass für jene, die Jesus»nachfolgten«, die Geschichte Jesu nicht mit seinem Tod am Kreuz zu Ende war. Unmittelbar nach Jesu Tod bildeten sich Gemeinden und begannen unter Juden, später dann auch unter Nichtjuden zu missionieren. Damit verbunden war zum einen die Entstehung und Pflege einer jesuanischen Tradition (zunächst durch die Sammlung von Jesusworten und Berichten über sein Auftreten, später durch deren literarische Fixierung), zum anderen die Herausbildung einer Christologie, in der das Bekenntnis zu Jesus als dem »Heilsmittler« formuliert und reflektiert wurde. Die christologischen Ausdrucksformen entwickelten sich dabei in Abhängigkeit von den kulturell verschiedenen Heilsvorstellungen der Menschen, denen Jesusals Antwort auf ihre Heilsfrage vermittelt werden sollte (Soteriologie). Die verschiedenen kulturellen Einflüsse spiegeln sich schon in den »Hoheitstiteln«, mit denen Jesus im Neuen Testament belegt wird: »Messias« und »Menschensohn« stammen aus der jüdischen Soteriologie, während die hellenistische Tradition v. a. die »Göttlichkeit« Jesu betont, wie es in der Formulierung »Sohn Gottes« und in der »Logos«-Vorstellung (Johannes 1, 1–18; Logos) zum Ausdruck kommt.

Jesus Christus im Kontext nicht christlicher Religionen

Für die meisten Juden galt Jesus von Nazareth bis ins Mittelalter als ein Betrüger und Zauberer, der als Begründer einer götzendienerischen Religion zugleich auch ein Veranlasser der Judenfeindlichkeit gewesen sei. Eine neue Sichtweise setzte im 18. Jahrhundert ein. Seither setzen sich jüdische Theologen mit der Person Jesu besonders unter dem Blickwinkel auseinander, dass sie seine jüdische Herkunft und den jüdischen Hintergrund seines öffentlichen Wirkens hervorheben. In dieser Betrachtungsweise erscheint Jesus als ein jüdischer Apokalyptiker, als Begründer einer jüdischen Sondergemeinschaft, aber auch (z. B. unter Verweis auf Matthäus 5, 17 f.) als ein der Thora fest verbundener Gesetzeslehrer (Rabbi). Jüdischem Denken strikt entgegenstehend und nicht nachvollziehbar ist dagegen die christliche Auffassung von Jesusals dem Christus (Messias) und Erlöser und seine damit verbundene christologische Kennzeichnung als Sohn Gottes. Den Unterschied zwischen christlichem und jüdischem Verständnis Jesu beschreibt S. Ben-Chorin mit dem Satz: »Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus aber trennt uns.« – Der Islam zählt Jesus (arabisch Isa) zu den Menschen, die Allah als seine Propheten auserwählt hat, wodurch sie ihm in besonderer Weise nahe stehen (Sure 2, 87; 3, 45 f.). Er ist der letzte von Allah erwählte Prophet vor Mohammed. Der Koran bestreitet allerdings seinen Kreuzestod (Sure 4, 157). Die Muslime erkennen Jesus als einen durch seinen Glauben vorbildhaften Menschen an. Die christliche Vorstellung der Gottessohnschaft Jesu ist jedoch mit dem islamischen Glaubensbekenntnis unvereinbar. – Zahlreiche hinduistische Denker sehen in Jesuseinen großen Lehrer und spirituellen Führer (Guru) in der Geschichte der Menschheit. Seine Lehre hat besonders Ram Mohan Roy (* 1772, † 1833), den Begründer der religiösen Reformbewegung Brahmasamaj, und M. Gandhi beeindruckt, der Jesus als einen großen Lehrer der Ahimsa ansah und als Hindu dessen Bergpredigt gleichrangig neben die »Bhagavadgita« stellte. Der populäre Hinduismus des Volkes reiht Jesus wie auch andere große religiöse Persönlichkeiten (z. B. Buddha) in die Reihe der zahlreichen Gestaltwerdungen des Göttlichen auf der Erde (Avatara) ein, wobei jedoch das geschichtlich Einmalige der Person Jesu fast vollständig hinter die Manifestation des all-einen Göttlichen (Brahman) zurücktritt. – Innerhalb des Buddhismus wird Jesus als ein Mensch, der die Liebe zu seinen Mitmenschen über sein eigenes Leben stellte, als Bodhisattva verehrt.

Jesus Christus in Literatur und Musik

Die literarische Behandlung der Lehre und Person Jesu Christi ist, auch dort, wo sie nicht mehr christlich motiviert ist, wesentlich geprägt durch die transliterarische, religiöse Bedeutung des Themas. Sie reicht von der althochdeutschen Evangelienharmonie Otfrids von Weissenburg (9. Jahrhundert) und dem altsächsischen »Heliand« (um 830) bis zu F. G. Klopstocks »Messias« (1748–73) und P. Ernsts Epos »Heiland« (1931), von den mittelalterlichen Legendendichtungen bis zu Selma Lagerlöfs »Kristuslegender« (1904), von den frühen lateinischen Hymnen des Ambrosius über die Werke von Abaelard und Bernhard von Clairvaux und dem protestantischen Kirchenlied (Luther), der katholischen Barockfrömmigkeit und der Christuslyrik des Pietismus (F. Spee von LangenfeldAngelus SilesiusG. TersteegenN. L. von Zinzendorf) bis zu den Gedichten von F. HölderlinNovalis und C. Brentano, von den Weihnachts-, Passions- und Auferstehungsspielen des Mittelalters über das barocke geistliche Schauspiel bis hin zu modernen Dramatisierungen (D. Fabbri, »Processo a Gesù«, 1955).

Während die Bibelkritik von D. F. Strauß (»Das Leben Jesu«, 1835) und E. Renan (»Histoire des origines du christianisme«, 1863–83) grundsätzlich die seit der Aufklärung festzustellenden Säkularisierungstendenzen verstärkte, ist für die moderne Dichtung seit Ende des 19. Jahrhunderts der Versuch kennzeichnend, sich sowohl von der Kanonik der Evangelien als auch der traditionellen historisierenden Darstellung (E. LudwigL. Wallace u. a.) zu lösen. Eine wichtige Motivgruppe bilden dabei jene Werke, die einen wiederkehrenden Christus in die moderne Welt stellen (F. M. Dostojewski, »Legende vom Großinquisitor«, 1880; M. Kretzer, »Das Gesicht Christi«, 1897; F. Timmermans, »Het kindeken Jezus in Vlaanderen«, 1917; R. Huch, »Der wiederkehrende Christus«, 1926; G. Herburger, »Jesus in Osaka«, 1970). Ein zweites Motiv ist das der Wiederholung von Jesu Christi Schicksal an einem den Weg der Imitatio Christi gehenden Menschen (A. Fogazzaro, »Il santo«, 1905; G. Hauptmann, »Der Narr in Christo Emanuel Quint«, 1910; Morris L. West, »The shoes of the fisherman«, 1963; I. Silone, »L’avventura d’un povero cristiano«, 1968). Grundsätzlich wirksam wurde die jesuanische Botschaft und die Person Jesus Christus als Appellativ und Mahnung an die Gesellschaft u. a. auch bei H. Böll (»Und sagte kein einziges Wort«, 1953), G. GrassW. SchnurreE. FriedK. Marti und D. Sölle.

Musik: Bis ins 4. Jahrhundert lässt sich die Verwendung der Leidensgeschichte Christi in der römischen Liturgie der Karwoche zurückverfolgen. Beim sogenannten Passionston werden die Worte Christi und der übrigen Personen sowie der erzählende Text jeweils in eigenen Tonlagen gesungen. Seit dem 14. Jahrhundert ist eine Verteilung des Textes auf drei Sänger nachweisbar; die ältesten mehrstimmigen Passionsvertonungen sind nach 1450 überliefert. Bekannt sind v. a. die drei Passionen von H. Schütz (1665–66). Überragende Vertreter der oratorischen Passion sind die beiden Passionen (nach Johannes und Matthäus) von J. S. Bach (1724 und 1727/29). Neuere Auseinandersetzungen mit dem Passionsgeschehen sind K. Pendereckis »Lukaspassion« (1962–65), G. Zachers »700 000 Tage später« (1969), O. G. Blarrs »Jesuspassion« (1985), M. Kagels»Sankt-Bach-Passion« (1985) und F. Döhls »Passion« für Orchester (1985). Aus der Keimzelle des österlichen Dialogs der Frauen mit dem Engel am leeren Grab Jesu entwickelte sich ab dem 11. Jahrhundert eine Vielzahl geistlicher Spiele u. a. zur Geburt, Passion und Auferstehung Jesu. Aktualisierungsversuche sind von C. Orff die »Comoedia de Christi Resurrectione« (1956) sowie A. Lloyd Webbers Rockmusical »Jesus Christ Superstar« (1971). Auch zahlreiche geistliche Solo- und Chorkantaten, u. a. die sechs Kantaten des bachschen Weihnachtsoratoriums (1734), widmen sich in ihrem Stoff der Gestalt Jesu. Wichtige Oratorien sind G. F. Händels »Messias« (1742), F. Liszts »Christus« (1872), F. Martins »Golgatha« (1948) sowie Hans Georg Bertrams»Seligpreisungen« (1979).

Zur bildenden Kunst Christusbild.

Werke

Weiterführende Literatur:

M. Bauschke: Jesus – Stein des Anstoßes. Die Christologie des Korans u. die deutschsprachige Theologie (Neuausgabe 2000);
C. Cohn: Der Prozess u. Tod Jesu aus jüdischer Sicht (aus dem Englischen, Neuausgabe 2001);
W. Harnisch: Die Gleichniserzählungen Jesu. Eine hermeneutische Einführung (42001);
S. Heschel: Der jüdische Jesus u. das Christentum. Abraham Geigers Herausforderung an die christliche Theologie (aus dem Amerikanischen, 2001);
D. Flusser: Jesus (32002);
P. Lapide u. U. LuzDer Jude Jesus: Thesen eines Juden, Antworten eines Christen(32003);
T. Koch: Jesus v. Nazareth, der Mensch Gottes (2004);
L. Schenke: Jesus v. Nazaret: Spuren u. Konturen (2004);
S. Ben-Chorin: Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht (Neuausgabe 2005);
W. Kasper: Jesus der Christus (Neuausgabe 2007);
J. Roloff: Jesus (42007);
K. Berger: Jesus (2007);
J. Ratzinger/Benedikt XVI.: Jesus v. Nazareth, 3 Bde (2007–2012);
Das Jesus-Buch des Papstes. Die Antwort der Neutestamentler, hg. v. T. Söding (2007);
K.-J. Kuschel: Jesus im Spiegel der Weltliteratur: die Bilanz eines Jahrhunderts – Originaltexte und Einführungen (Neuausgabe 2010);
H. Hoping: Einführung in die Christologie (22010);
W. Homolka: Jesus von Nazareth im Spiegel jüdischer Forschung (22010);
Der historische Jesus im Spannungsfeld von Glaube und Geschichte, herausgegeben von V. Spangenberg und A. Heinze (2010);
G. Theissen: Der historische Jesus: ein Lehrbuch (42011);
G. Lohfink: Jesus von Nazaret: Was er wollte, wer er war (2011);
M. Ebner: Jesus v. Nazaret: Was wir von ihm wissen können (22012);
A. Strotmann: Der historische Jesus: eine Einführung (2012);
K. Wengst: Der wirkliche Jesus? Eine Streitschrift über die historisch wenig ergiebige und theologisch sinnlose Suche nach dem »historischen« Jesus (2013);
E. Rau: Perspektiven des Lebens Jesu: Plädoyer für die Anknüpfung an eine schwierige Forschungstradition (2013);
K. Rahner: Bekenntnis zu Jesus Christus (Neuausgabe 2014);
P. Gwynne: Buddha, Jesus and Muhammad: a comparative study (New York/NY 2014);
L. Schenke: Jesus vor dem Dogma: zur inneren Überzeugungskraft der Worte Jesu(2014).

 

Artikel aus der Brockhaus Enzyklopädie.

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