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Hessen

Hessen, Land in der Mitte von Deutschland, 21 115 km2, 6,24 Mio. Einwohner (2017); Hauptstadt ist Wiesbaden.

Die Flagge des Bundeslandes Hessen ist rot über weiß gestreift; die beiden Farben sind dem Wappentier entnommen, einem rot-weiß gestreiften Löwen.

 

Das Wappen des Bundeslandes Hessen von 1948 zeigt den rot und weiß gestreiften »Hessenlöwen«, den die Hessen aus dem Wappen der Landgrafen von Thüringen übernahmen.

Recht

Es gilt die Verfassung vom 1. 12. 1946 (mit späteren Änderungen). Der Landtag wählt den Ministerpräsidenten, der zusammen mit den von ihm ernannten Ministern die Landesregierung bildet und über Richtlinienkompetenz verfügt. Die Regierungsgeschäfte können nur aufgenommen werden, nachdem der Landtag der Regierung das Vertrauen ausgesprochen hat. Der Ministerpräsident kann durch einfaches Misstrauensvotum ohne gleichzeitige Ersatzwahl abgesetzt werden, allerdings ist der Landtag von Verfassung wegen aufgelöst, wenn er nicht innerhalb von 12 Tagen einer neuen Regierung das Vertrauen ausspricht. Die gesetzgebende Gewalt wird ausgeübt vom Volk durch Volksabstimmung, -begehren und -entscheid sowie vor allem durch den Landtag (110 Abgeordnete, auf 5 Jahre gewählt). Seit 1991 erfolgt die Wahl nach einem Zweistimmenwahlsystem (55 Mandate werden über Landeslisten und die gleiche Anzahl in Wahlkreisen direkt vergeben). Gegen vom Landtag beschlossene Gesetze hat die Landesregierung ein aufschiebendes Veto, das der Landtag mit absoluter Mehrheit zurückweisen kann. Die Verfassung gibt dem Landtag das Recht zur Selbstauflösung. Verfassungsänderungen bedürfen der Billigung durch Volksentscheid.

Hessen: Lageskizze politische Verwaltungseinheit

Flagge und Wappen: Die Landesflagge ist in zwei gleich breiten Streifen rot über weiß horizontal gestreift. Als Landesdienstflagge führt sie das Wappen in der Mitte. – Das im Gesetz vom 4. 8. 1948 festgelegte Wappen zeigt in dem mit einer fünfblättrigen »Volkskrone« versehenen Schild auf blauem Grund den silber und rot geteilten, gold bewehrten Löwen. Der aufrecht, heraldisch nach rechts schreitende Löwe entstammt dem Wappen der Landgrafen von Thüringen, der in das Wappen des Großherzogtums Hessen übernommen worden war. Nach dem Ersten Weltkrieg griff der Volksstaat Hessen auf dieses Staatssymbol zurück, entfernte aber die Krone des Löwen.

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Verwaltung: Nach der Gebietsreform von 1968, die zwischenzeitlich teilweise korrigiert wurde, gibt es drei Regierungsbezirke (Darmstadt, Gießen, Kassel), 5 kreisfreie Städte, 21 Landkreise und 426 Gemeinden. Der Planungsverband Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main hat die Aufgabe, Planungen (vor allem Flächennutzungs- und Landschaftsplanung) im Großraum Frankfurt/Rhein-Main zu koordinieren.
Recht: Organe der Rechtsprechung sind der Staatsgerichtshof in Wiesbaden, das Oberlandesgericht in Frankfurt am Main (mit Zivilsenaten in Darmstadt und Kassel); der Verwaltungsgerichtshof in Kassel, das Landesarbeitsgericht in Frankfurt am Main, das Landessozialgericht in Darmstadt. Ferner bestehen 9 Landgerichte und 41 Amtsgerichte, 5 Verwaltungsgerichte, 7 Arbeitsgerichte, 7 Sozialgerichte und ein Finanzgericht in Kassel. Der Hessische Rechnungshof sitzt in Darmstadt.

Landesnatur

Die Landesnatur wird durch den Gegensatz von Mittelgebirgen und eingelagerten Becken und Senken sowie die hierdurch bedingte Kammerung charakterisiert. Beherrschend treten zwei Nord–Süd verlaufende verkehrsleitende Senkenzonen hervor (Hessische Senken). Die Westhessische Senke geht im Süden ins Oberrheinische Tiefland über, das zum Teil zu Hessen gehört. Der tiefste Punkt Hessens (72 m über dem Meeresspiegel) liegt bei Lorchhausen. Der Westen Hessens gehört zum Rheinischen Schiefergebirge, dessen höchste Erhebungen (Großer Feldberg im Taunus 879 m über dem Meeresspiegel) aus widerständigen Quarziten bestehen.

Auf der höchsten Erhebung im Taunus, der Große Feldberg, kann man bei schönen Wetter eine wunderschöne Aussicht genießen.
Weit gespannte Flächen prägen das Bild des Hintertaunus mit seinen steil eingetieften Tälern und der Zone der Idsteiner Senke sowie des Limburger Beckens. Flächen herrschen auch in dem aus tertiären Basalten bestehenden Hohen Westerwald vor.Im östlich anschließenden Lahn-Dill-Bergland und im Kellerwald (mit Nationalpark Kellerwald-Edersee, rd. 57 km2) bildete sich infolge der hier anstehenden Diabase und starker erosiver Zerschneidung ein kuppiges Relief aus. An den Block des Rheinischen Schiefergebirges schließt sich nach Osten und Nordosten, jenseits der Westhessischen Senke (Wetterau, Gießener Becken, Amöneburger Becken, Schwalmbecken, Fritzlarer Becken, Kasseler Becken), das Hessische Bergland an, vorwiegend aus mesozoischen Schichten aufgebaut, über die sich teilweise tertiäre Ergussgesteine gelagert haben. So entstand im Vogelsberg durch starke vulkanische Aktivitäten das flächenmäßig größte zusammenhängende Gebiet (rd. 2 500 km2) vulkanischer Gesteine (Basalt, zum Teil als Trappdecke) in Mitteleuropa.Auch die höchsten Teile von Knüll, Meißner und Hoher Rhön (Wasserkuppe mit 950 m über dem Meeresspiegel höchster Berg in Hessen) sind aus Ergussgesteinen aufgebaut. Ältere kristalline Gesteine treten im Vorderen Odenwald und im Vorderen Spessart an die Oberfläche.Durch Hessen verläuft über Vogelsberg, Keller- und Burgwald zum Rothaargebirge die Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Weser. Etwa 12 000 km2 werden zum Rhein (vor allem durch Main und Lahn) entwässert, 9 200 km2 zur Weser (besonders durch Fulda und Eder). Die Wasserführung der Weser wird durch die Talsperren von Eder und Diemel reguliert. Als geschützte Naturräume sind neben dem Nationalpark Kellerwald-Edersee das Biosphärenreservat Rhön (648 km2) und (2013) 760 Naturschutzgebiete (insgesamt 379,8 km2) ausgewiesen.

Klima: In den Beckenzonen besitzt das Klima kontinentale Züge (besonders ausgeprägt an der Bergstraße und im Rheingau) mit relativ geringen Niederschlägen (500–600 mm jährlich) und höheren Temperaturen (Jahresmittel in der Rhein-Main-Ebene: 8,7 °C). In den höheren Lagen des Rheinischen Schiefergebirges und im Hohen Vogelsberg ist das Klima dagegen feuchter und kühler (1 300 mm; 6,2 °C im Vogelsberg).

Bevölkerung

Eine starke Binnenwanderung hat zu einem Bevölkerungsrückgang im weitgehend agrarisch geprägten Nord- und Mittelhessen zugunsten einer erheblichen Konzentration im Rhein-Main-Gebiet geführt, in dem rd. 36 % der Bevölkerung Hessens leben. Einziger Ballungsraum Nordhessens ist Kassel. Eine negative oder stagnierende Bevölkerungsentwicklung zeigen vor allem Dörfer in Berglandschaften. Nach 1945 nahm Hessen eine große Zahl von Flüchtlingen auf (1960: 18,7 % der Einwohner); 2015 betrug der Ausländeranteil 15,3 % (darunter Türken 17,0 %, Polen 8,4 % und Italiener 7,6 %). Ende 2015 gab es 27 200 Asylsuchende. Die Bevölkerungsdichte liegt mit 289 Einwohnern/km2 über dem Bundesdurchschnitt (227 Einwohner/km2).

Ludwig VI. war von 1661-1678 Landgraf von Hessen-Darmstadt.

 

Religion: 36,7 % der Bevölkerung gehörten zum Jahresende 2014 einer evangelischen Landeskirche an, 23,8 % der katholischen Kirche. Die jüdische Religionsgemeinschaft zählte 2013 etwa 11 600 Mitglieder (ungefähr 0,2 % Bevölkerungsanteil). Dem letztgültigen Zensus zufolge waren 2011 rund 7 % der Bevölkerung Muslime. Evangelische Landeskirchen in Hessen sind die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau sowie (in Teilen des Lahn-Dill-Kreises und des Landkreises Gießen) die Evangelische Kirche im Rheinland. Seitens der katholischen Kirche haben am Gebiet des Landes Hessen die Bistümer Fulda, Limburg und Mainz und zu einem kleinen Teil das Erzbistum Paderborn Anteil. Der jüdische Landesverband und die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main (mit über 6 700 Mitgliedern [2013] nach Berlin, München und Düsseldorf die viertgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland) vertreten elf Gemeinden.
Bildungswesen: Das Schulwesen wird durch das Hessische Schulgesetz (HSchG vom 14. 6. 2005) geregelt. Die allgemeinbildenden Schulen umfassen Grundschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium und Gesamtschule. Die Grundschule dauert vier Jahre; für schulpflichtige, aber noch nicht schulfähige Kinder sind vielfach Vorklassen eingerichtet. Darüber hinaus gibt es Grundschulen mit einer Eingangsstufe, in der Kinder innerhalb von zwei Jahren auf das Lernen in der Grundschule vorbereitet werden. Seit 2003/04 gehört das Fach »Einführung in eine Fremdsprache« zum Pflichtunterricht in der Grundschule. Die Grundschule wird in der Regel eigenständig geführt, sie kann aber auch mit einer Hauptschule verbunden sein. In der zweijährigen Förderstufe werden Schüler auf die Anforderungen der Jahrgangsstufe 7 der weiterführenden Bildungsgänge vorbereitet; sie wird in Hessen schulformbezogen oder schulformübergreifend angeboten. Neben eigenständigen Haupt- und Realschulen gibt es verbundene Haupt- und Realschulen, an denen Bildungsgänge beider Schulformen angeboten werden, sowie integrierte und kooperative Gesamtschulen. Zu den studienqualifizierenden Schulen gehören die an Gymnasien und Gesamtschulen angesiedelte oder als selbstständige Schulform organisierte gymnasiale Oberstufe und das berufliche Gymnasium. Diese führen ihre Schüler zur allgemeinen Hochschulreife, zum Teil werden auch doppelqualifizierende Bildungsgänge angeboten. Darüber hinaus besteht die zur Fachhochschulreife führende Fachoberschule. Die beruflichen Schulen umfassen Berufsschule, Berufsfachschule und Fachschule. – Der Elementarbereich wird durch das Hessische Kinder- und Jugendhilfegesetzbuch (HKJGB; vom 18. 12. 2006) geregelt. Im März 2015 lag die Betreuungsquote in Kindertageseinrichtungen oder der öffentlich geförderten Kindertagespflege in der Altersgruppe der 3- bis unter 6-Jährigen bei 93,6 %, in der Altersgruppe der unter 3-jährigen Kinder betrug sie 29,7 %.Hessen besitzt fünf staatliche Universitäten (TU Darmstadt, gegründet 1877; Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, gegründet 1914; Justus-Liebig-Universität Gießen, gegründet 1607; Universität Kassel, gegründet 1971; Philipps-Universität Marburg, gegründet 1527), fünf staatliche Fachhochschulen (Darmstadt, Frankfurt am Main, Fulda, Gießen-Friedberg, Wiesbaden) und zwei Kunsthochschulen in der Trägerschaft des Landes (Hochschule für Musik und Darstellende Kunst [Frankfurt am Main], Hochschule für Gestaltung [Offenbach]). Darüber hinaus gibt es (2012) 17 Hochschulen, die nicht in der Trägerschaft des Landes sind (darunter die Frankfurt School of Finance & Management, die EBS Universität für Wirtschaft und Recht [Wiesbaden], die Städelschule [Frankfurt am Main], die Provadis School of International Management and Technology, die Hochschule der Gesetzlichen Unfallversicherung [Bad Hersfeld], die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen [Frankfurt am Main] und die Lutherische Theologische Hochschule [Oberursel]), drei Verwaltungsfachhochschulen (Archivschule Marburg, Studienzentrum der Finanzverwaltung und Justiz [Rotenburg a. d. Fulda], Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung [Wiesbaden]) und sieben Berufsakademien.

Wirtschaft

Das hessische Wirtschaftsgebiet ist gekennzeichnet durch seine günstige geografische Lage und seine gute verkehrsmäßige Erschließung. Ein Teil der Zentralitätsvorteile ging durch die Grenzziehung nach dem Zweiten Weltkrieg verloren, was sich besonders in einigen nordhessischen Gebieten nachteilig auswirkte. Der wirtschaftliche und bevölkerungsmäßige Mittelpunkt ist das Rhein-Main-Gebiet mit den Städten Darmstadt, Frankfurt am Main, Offenbach am Main, Hanau und Wiesbaden. Nach dem Ruhrgebiet weist das Rhein-Main-Gebiet die größte Industriekonzentration in Deutschland auf. Zu bedeutenden Industrieräumen haben sich auch der Raum Kassel und das Lahn-Dill-Gebiet entwickelt.

Die Zahl der Erwerbstätigen hat sich von (1950) 2,0 Mio. auf (2015) 3,34 Mio. erhöht. Parallel zu der Veränderung der Gesamtzahl der Erwerbstätigen kam es, bedingt durch den wirtschaftlichen Strukturwandel, zu erheblichen Umschichtungen in der Verteilung der Erwerbstätigen auf die verschiedenen Wirtschaftsbereiche. Sowohl in der Landwirtschaft als auch im produzierenden Gewerbe lag 2015 die Erwerbstätigenzahl niedriger als 1950. Eine weit überdurchschnittliche Zunahme war im Dienstleistungsbereich einschließlich Handel und Verkehr zu verzeichnen. In diesen Wirtschaftsbereichen zusammen hat sich die Zahl der Erwerbstätigen von 1950 bis 2015 mehr als verdoppelt, ihr Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen in Hessen erhöhte sich von 34 % auf 77,7 %. Der Anteil der im produzierenden Gewerbe Tätigen ist von (1950) 43 % auf (2015) 21,4 % zurückgegangen.

Diese Anpassung an die Strukturveränderungen in der Wirtschaft führte zu einer rückläufigen Arbeitslosigkeit. Nach einer Arbeitslosenquote von 0,5 % im Jahre 1970 wurde 2005 der Höchststand mit 10,9 % erreicht; im Mai 2016 lag die Arbeitslosenquote (bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen) bei 5,2 % (Deutschland 6,0 %). Im Vergleich der Bundesländer weist Hessen die viertniedrigste Arbeitslosenquote auf (hinter Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz). Das BIP pro Einwohner belief sich 2015 auf 43 073 €. Hessen hielt damit die erste Position unter den Flächenstaaten. Am BIP Deutschlands hat Hessen einen Anteil von (2015) 8,7 %.

Landwirtschaft: Von den land- und forstwirtschaftlichen Betrieben werden mit (2015) 769 500 ha etwa 36 % der Gesamtfläche landwirtschaftlich genutzt (darunter 472 100 ha Ackerland, 290 800 ha Dauergrünland, 1 800 ha Obstanlagen, 3 500 ha Rebfläche); klein- und mittelbäuerliche Betriebe herrschen vor. Der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche (einschließlich Umstellung von konventioneller zu ökologischer Landwirtschaft) beläuft sich auf 10,6 %. Ackerbau mit hohem Anteil von Weizen- und Zuckerrübenanbau dominiert in den Beckenlandschaften. Der Anteil des Dauergrünlandes an der landwirtschaftlichen Nutzfläche ist in den Basaltbergländern (Hoher Westerwald, Hohe Rhön, Hoher Vogelsberg) besonders hoch. Im Rheingau und an der Bergstraße wachsen Weine von Weltruf, wobei die Rebsorte Riesling überwiegt. Spezialkulturen nehmen in Südhessen, vor allem im Hessischen Ried (Spargel, Gurken, Gemüse, Obst), im Odenwald (Erdbeeren), im Vortaunus (Obst) und in der Wetterau (Gemüse, Rosen) größere Flächen ein. Die Viehwirtschaft mit Rindvieh, Schweinen, Schafen und Legehennen ist vor allem in den Mittelgebirgen ein wichtiger Betriebszweig.

Forstwirtschaft: Mit einem Waldanteil von 40,1 % an der Gesamtfläche hat Hessen den zweithöchsten Waldanteil aller Bundesländer. Etwa 95 % der 847 700 ha großen Waldfläche werden als Hochwald bewirtschaftet. Laubholz besitzt einen Flächenanteil von etwa 55 %, Nadelholz entsprechend von etwa 45 %.

Bodenschätze: Im Werratal und bei Fulda wird Kalisalz gefördert. Der Schwerpunkt der Gewinnung mineralischer Rohstoffe in Hessen liegt im Bereich der Steine- und Erden-Lagerstätten. Die Braunkohlenförderung wurde 2003 eingestellt.

Energiewirtschaft: Die erneuerbaren Energien spielen mit einem Anteil von (2014) 40,3 % an der Bruttostromerzeugung als Energieträger eine große Rolle, gefolgt von Erdgas (32,2 %) und Kohle (17,9 %). In Biblis befindet sich eines der größten deutschen Kernkraftwerke (installierte Leistung rd. 2 500 MW); es wurde 2011 stillgelegt.

Industrie: Die industrielle Struktur zeigt eine breite branchenmäßige Fächerung und einen hohen Anteil an wachstumsintensiven Industrien. Nach den Beschäftigtenzahlen sind die chemische Industrie (2016: einschließlich Pharmaindustrie 56 873; 15,8 % der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe), der Kraftfahrzeugbau (52 112 beziehungsweise 14,5 %), der Maschinenbau (39 396 beziehungsweise 11,0 %) sowie die Metallindustrie (42 491 beziehungsweise 11,8 %) die größten Industriezweige. Mehr als 23 % des Gesamtumsatzes im verarbeitenden Gewerbe erwirtschaftet die Chemie- und Pharmaindustrie. Wichtigster Industriestandort ist Frankfurt am Main (Chemie, Fahrzeugbau, Ernährungsgewerbe). Die anderen Industriestandorte zeigen bei durchweg hohen Anteilen des Maschinenbaus gewisse Spezialisierungen; z. B. Darmstadt mit chemischer Industrie und Wiesbaden mit chemischer Industrie, Maschinenbau und Rüsselsheim mit Straßenfahrzeugbau. Im nordhessischen Industriegebiet sind Waggon- und Lokomotivbau, Maschinenbau, chemische und Elektroindustrie in Kassel und Fahrzeugbau in Baunatal die wichtigsten Industriezweige. In Mittelhessen mit Schwerpunkt Wetzlar herrschen feinmechanisch-optische Industrie, Gießereien und metallverarbeitende Industrie vor. Die Industrie ist stark exportorientiert: Rund 50,8 % des Umsatzes entfiel 2016 auf den Außenhandel.

Dienstleistungssektor: Ein großes Gewicht kommt dem Dienstleistungssektor zu. Sein Anteil an der Bruttowertschöpfung beläuft sich auf 75,5 %: 2015 entfielen 32,5 % auf die Bereiche Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleister, 20,0 % auf öffentliche und private Dienstleister (u. a. öffentliche Verwaltung, Sozialversicherung, Erziehung, Bildung, Gesundheits- und Sozialwesen) und 23,0 % auf den Bereich Handel, Gastgewerbe und Verkehr. Besonderen Anteil haben Frankfurt am Main als Finanz- und Handelszentrum sowie Wiesbaden (Versicherungsunternehmen, Landesverwaltung). Die Wertpapierbörse und die Devisenbörse wie auch die Produktenbörse in Frankfurt am Main haben internationalen Rang; der Sitz der Deutschen Bundesbank, der Europäischen Zentralbank und von mehr als 300 Banken (davon 190 ausländische Kreditinstitute) machen die Stadt zu Europas bedeutendstem Bankenplatz nach London. Hinzu kommt Frankfurts Bedeutung als internationaler Ausstellungs- und Messeplatz.

Wichtig sind neben Handels- und Verkehrsunternehmen auch die Dienstleistungsunternehmen im Bereich der neuen Technologien (z. B. Unternehmen für Software der EDV und für Kommunikationstechnologien sowie Consulting-Firmen).

Tourismus: Der Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftszweig; 2015 wurden 14,3 Mio. Gäste (davon 3,7 Mio. Auslandsgäste) und 32,2 Mio. Übernachtungen gezählt. Unter den Heilbädern und Kurorten sind vor allem Bad Nauheim, Bad Wildungen und Bad Orb zu nennen.

Verkehr

Hessen verfügt über ein leistungsfähiges Straßennetz (Länge 2015: 16 097 km, davon 987 km Bundesautobahnen, vor allem im Rhein-Main-Gebiet). Rückgrat des Schienenverkehrs sind die Hochgeschwindigkeitsstrecken (Köln)–Rhein/Main und Kassel–Fulda–(Würzburg) sowie die Hauptstrecken Fulda–Frankfurt am Main–(Mannheim), Kassel–Gießen–Frankfurt am Main–(Heidelberg) und Frankfurt am Main–(Aschaffenburg) beziehungsweise Frankfurt am Main–(Mainz)–Wiesbaden. Eine herausragende Position im Luftverkehr nimmt der Flughafen von Frankfurt am Main ein. Er ist mit (2015) 2,08 Mio. t Luftfrachtaufkommen der größte Frachtflughafen und mit 61,0 Mio. Passagieren der drittgrößte Passagierflughafen Europas. Der Güterverkehr auf den Flüssen Hessens betrug 2015 7,51 Mio. t (Empfang) und 2,66 Mio. t (Versand). Wichtigster Binnenhafen ist der von Frankfurt am Main.

Geschichte

Die in frühgeschichtlicher Zeit in Hessen siedelnden Kelten wurden bereits vor der Zeitenwende von Germanen nach Süden und Westen vertrieben. Die germanische Landnahme unterbrachen die Römer, die Südhessen ihrem Machtbereich eingliederten. Nordhessen verblieb im Besitz der Chatten. Nach dem Rückzug der Römer drängten Alemannen in die bislang römischen Gebiete, wurden jedoch bald in Auseinandersetzungen mit den Franken verwickelt, deren Einfluss v. a. im Rhein-Main-Gebiet seit dem 6. Jahrhundert stetig zunahm. Von entscheidender Bedeutung für die politische Entwicklung des hessischen Gebiets war die endgültige Missionierung durch Bonifatius im 8. Jahrhundert. Die nun einsetzende politische Frühgeschichte Hessens ist zugleich Reichsgeschichte, da nach Abschluss der Christianisierung die drei wichtigsten Klöster, Fritzlar, Hersfeld und Fulda, noch Ende des 8. Jahrhunderts Reichsabteien wurden und das seit dem 9. Jahrhundert in Hessen führende Grafenhaus der Konradiner so fest in der karolingischen Tradition stand, dass es nach dem Aussterben der Karolinger mit Konrad I. 911 zur (»deutschen«) Königswürde gelangte. Auch die führenden Grafenhäuser des hohen Mittelalters waren reichsabhängig, so die Grafen Werner als Reichsbannerträger und die sie 1121 beerbenden Gisonen. 1122 folgten ihnen die Ludowinger, seit 1130/31 Landgrafen von Thüringen, die in langwierigen Kämpfen territorialen Ansprüchen des Erzbistums Mainz auf Hessen entgegentreten mussten. Als sie im Mannesstamm 1247 (Tod Heinrich Raspes) erloschen, vermochte Sophie, die Tochter Ludwigs IV. und der heiligen Elisabeth von Thüringen, Hessen im Thüringisch-Hessischen Erbfolgekrieg (1256–64) mit den Wettinern (Heinrich III.) von Thüringen zu lösen und ihrem Sohn Heinrich I. für das Haus Brabant zu gewinnen, dazu die wichtigen Werrastädte Eschwege, Sontra, Witzenhausen und Allendorf.

Heinrich (1265–1308) sicherte Existenz und Ausbau der Landgrafschaft, die 1292/1373 Reichsfürstentum wurde. Die weitere Aufwärtsentwicklung im 14. Jahrhundert war mit andauernden, zuweilen existenzbedrohenden Kämpfen mit dem hessischen Adel und besonders dem Erzbistum Mainz verbunden, die aber 1427 und endgültig 1461–63 (Zeilsheimer Vertrag) zugunsten Hessens entschieden wurden. Die reichspolitische Stellung bestimmten die Erbverbrüderungen mit Kursachsen seit 1373 und Kurbrandenburg seit 1457. Die Beerbung der Grafschaft Ziegenhain 1450 verband Niederhessen (Kassel) und Oberhessen (Marburg), die Beerbung der Grafschaft Katzenelnbogen 1479 brachte Hessen an den Mittelrhein (Rheinfels, Sankt Goar) und in das Rhein-Main-Gebiet (Darmstadt, Rüsselsheim). Nach vorübergehender Teilung (Hessen-Marburg und Hessen-Kassel 1458–1500) vereinigten Wilhelm II. († 1509) und sein Sohn Philipp I., der Großmütige (1509–67), ganz Hessen, das im Zeitalter der Reformation zu den bedeutendsten Reichsterritorien aufstieg: 1526 Einführung der Reformation und Aufhebung der Klöster; mit den dadurch gewonnenen Mitteln Gründung der Universität Marburg (1527) und der vier Hohen Hospitäler für Sieche und Geisteskranke in Haina, Merxhausen, Gronau und Hofheim; 1529 Marburger Religionsgespräch, Mittlerfunktion zwischen sächsischen Lutheranern und oberdeutschen Calvinisten, starker Einfluss auf die Einführung der Reformation in Westfalen und Norddeutschland; führende Stellung im Schmalkaldischen Bund und im Kampf gegen Kaiser Karl V., Zusammenbruch im Schmalkaldischen Krieg; zuletzt vorsichtige evangelische Unionspolitik. Landgraf Philipp teilte Hessen 1567 testamentarisch unter seine vier Söhne: Wilhelm IV. bekam mit Hessen-Kassel die Hälfte des Landes, Ludwig IV. mit Hessen-Marburg ein Viertel, Philipp II., der Jüngere, mit Hessen-Rheinfels und Georg I. mit Hessen-Darmstadt je ein Achtel. Philipp II. und Ludwig IV. starben 1583 beziehungsweise 1604 erbenlos, sodass nur Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt bestehen blieben.

Hessen-Kassel: Hessen-Kassel, die ältere Linie, bestimmte unter Wilhelm IV. (1567–92) noch die Politik Gesamthessens, was seinem Sohn Moritz dem Gelehrten (1592–1627) nicht mehr gelang. Nach Einführung des Calvinismus (1603/05) geriet Moritz mit Hessen-Darmstadt wegen der Beerbung der lutherischen Linie Hessen-Marburg in schweren Konflikt, der die Parteistellung Hessens im Dreißigjährigen Krieg (1618–48) bestimmte, in dem Hessen-Kassel zunächst auf schwedischer, Hessen-Darmstadt auf kaiserlicher Seite stand, und der – zusammenfallend mit der Schlussphase des Krieges – im »Hessenkrieg« zwischen der Landgräfin Amalie Elisabeth von Hessen-Kassel (1637–51), der Witwe Wilhelms V. († 1637), und Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt († 1661) ausgetragen wurde. Der »Einigkeitsvertrag« von 1648 bestätigte die Teilung Hessens in zwei Teile mit Kassel und Darmstadt als Mittelpunkten. Unter Landgraf Karl (1670–1730), der das Land zur Blüte brachte, kam es zum Ausbau des Heeres; die reichspolitische Stellung Hessen-Kassels wurde seitdem durch seine militärische Stärke bestimmt. Das Heer musste erstmals 1677 in dänischen, 1688 in venezianischen Diensten kämpfen; es wurde nach der Regierungszeit Karls gegen Subsidien auf allen europäischen Kriegsschauplätzen eingesetzt (u. a. aufseiten des Reiches gegen König Ludwig XIV. von Frankreich, aufseiten des Kaisers im »Großen Türkenkrieg« sowie im Österreichischen Erbfolgekrieg gleichzeitig auf österreichischer und brandenburg-preußischer Seite) und unterstützte im Siebenjährigen Krieg (1756–63) zusammen mit Großbritannien Preußen. Unter Landgraf Friedrich II. (1760–85) kämpften aufgrund des britisch-hessischen Subsidienvertrags von 1776 etwa 12 000 Soldaten aus Hessen-Kassel (»verkaufte Hessen«) in Nordamerika. Der feindlichen Einstellung Karls gegenüber dem Frankreich Ludwigs XIV. entsprach die Aufnahme französischer Glaubensflüchtlinge (Hugenotten; hessische Freiheitskonzession von 1685), deren Siedlungen noch heute an ihrem planmäßigen Grundriss zu erkennen sind (z. B. Hanau, Neu-Isenburg, Karlshafen). Der älteste Sohn Karls, Landgraf Friedrich I., wurde 1720 König von Schweden; für ihn führte sein Bruder Wilhelm VIII. die Regierung (1730/51–60). Bedeutend sind die kulturellen und städtebaulichen Leistungen dieser Epoche, besonders der Ausbau der Residenz Kassel (u. a. Gründung der Gemäldegalerie).

Die Nebenlinien Hessen-Kassels, Hessen-Eschwege (bis 1655), Hessen-Rotenburg (bis 1658), Rheinfels (1627–1834) und Hessen-Philippsthal (seit 1685, 1925 ausgestorben), erlangten keine große Bedeutung. Erhebliche territoriale Gewinne brachten 1571 die Herrschaft Plesse, 1582 die Hoyaer Ämter Uchte und Freudenberg, 1583 die Niedergrafschaft Katzenelnbogen, 1583 (endgültig 1619) die Herrschaft Schmalkalden, 1640 die Grafschaft Schaumburg und v. a. 1736 die Grafschaft Hanau-Münzenberg. Unter Landgraf Wilhelm IX. (1785–1821) wurde Hessen durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 Kurfürstentum (seitdem Kurfürst Wilhelm I.) und territorial geringfügig vergrößert.

Kurhessen (1803–07; 1813–66): 1807 wurde Kurhessen trotz Neutralitätserklärung von Frankreich besetzt und dem Königreich Westfalen einverleibt (Hauptstadt Kassel, Residenz Wilhelmshöhe). Wiederholte Aufstände gegen die französische Herrschaft scheiterten (v. a. W. von Dörnberg). Bei der Wiederherstellung des Kurfürstentums 1813–15 erhielt es für die Niedergrafschaft Katzenelnbogen das Bistum Fulda, die begehrte Landbrücke zwischen Althessen und Hanau.

Unter dem Druck von Unruhen unterzeichnete Kurfürst Wilhelm II. (1821–47) die liberale Verfassung von 1831, die von reaktionären Kräften (Kurfürsten, Minister H. D. Hassenpflug) ebenso heftig bekämpft wie von den oppositionellen Landtagen verteidigt wurde, und übergab die Regierung dem Kronprinzen. Die liberale Regierung von 1848/49 stand auf der Seite der Frankfurter Nationalversammlung, dann des Erfurter Unionsparlaments (1850). Doch schloss sich Kurfürst Friedrich Wilhelm (1847–66) bald darauf Österreich an und versuchte 1850 nach Rückberufung Hassenpflugs, seinen reaktionären Kurs durchzusetzen. Nunmehr versagten Gerichte und Behörden im Verfassungskampf den Gehorsam, das Offizierskorps trat zurück. Mit militärischer Hilfe des Deutschen Bundes wurde die Revolte niedergeschlagen (1853 Besetzung Hessens); bayerische Truppen rückten in Kassel ein. Auf die »Strafbayern« gestützt, nahm der Kurfürst seine reaktionäre Politik wieder auf. Die Verfassungskämpfe hielten unter ständigen Eingriffen Preußens und des Bundestages an, auch als 1862 die Verfassung von 1831 größtenteils wiederhergestellt worden war. Im Deutschen Krieg 1866 folgte der Kurfürst, entgegen dem Neutralitätswillen des Landes, Österreich. Das Kurfürstentum (1864: 9 581 km2 mit 745 063 Einwohnern) wurde daher von Preußen besetzt und annektiert, der Kurfürst verbannt.

Hessen-Nassau: Die preußische Provinz Hessen-Nassau (1868–1944) umfasste die 1866 angegliederten Gebiete Kurhessen, das Herzogtum Nassau, Hessen-Homburg, die bayerischen Bezirke Gersfeld und Orb, die darmstädtischen Kreise Biedenkopf und Vöhl sowie die Freie Stadt Frankfurt; Hauptstadt war Kassel. Die Provinz gliederte sich in 2 Regierungsbezirke: Kassel und Wiesbaden. 1925 hatte sie 15 703 km2 mit 2,39 Mio. Einwohnern; 1929 wurde Waldeck angegliedert, 1932 Wetzlar, während Rinteln (Grafschaft Schaumburg) der Provinz Hannover zugeschlagen wurde.

Im kurhessischen Teil vermochten die oppositionellen Landstände im preußischen Diktaturjahr 1867/68 erhebliche hessische Eigentümlichkeiten zu retten, so die selbstständige landständische Verwaltung. Die Provinz, die in auffallend engen Beziehungen zu den Hohenzollern stand und (1939) 16 847 km2mit 2,675 Mio. Einwohnern umfasste, wurde 1944 erneut geteilt: in Nassau (Regierungsbezirk Wiesbaden mit den Kreisen Hanau, Gelnhausen, Schlüchtern) und Kurhessen (restliche Kreise ohne Schmalkalden, das zum Regierungsbezirk Erfurt kam).

Hessen-Darmstadt: Die von Georg I. (1567–96) 1567/68 begründete jüngere Linie, später stets auf der Seite Habsburgs und daher gegen Hessen-Kassel, war in der Grafschaft Oberkatzenelnbogen mit Darmstadt als Mittelpunkt beheimatet und erhielt ihren wichtigsten Zuwachs durch den Marburger Erbfall 1604, der jedoch zum »Hessenkrieg« mit Hessen-Kassel führte. Hessen-Darmstadt konnte zwar seine früheren Erfolge nicht behaupten, jedoch den wichtigen territorialen Zuwachs in Oberhessen sichern – allerdings ohne Marburg, weshalb das benachbarte Gießen gefördert wurde (1605 Universität). Die aus vielen unverbundenen Teilen bestehende Landgrafschaft litt unter der Verschwendungssucht ihrer Herren, aber auch unter den Kriegsfolgen, v. a. einer starken Verschuldung, die auch mehrfache Ämterverpfändungen und selbst die Erbschaft der Grafschaft Hanau-Lichtenberg 1736 nicht beseitigten. Erst die Reformtätigkeit des Ministers F. C. von Moser stellte den Staat wieder auf sicheren Grund. Zur gleichen Zeit entfaltete sich am Darmstädter Hof unter der »Großen Landgräfin« Karoline Henriette auch das geistige und literarische Leben. Unter Landgraf Ludwig X. (1790–1830) erfolgte die entscheidende territoriale Neugestaltung des Landes (Erwerb des Herzogtums Westfalen, kurmainzischer und kurpfälzischer Gebiete, der Reichsstädte Friedberg und Wimpfen sowie der Grafschaft Erbach) und 1806 die Erhebung zum Großherzogtum: Der Landgraf trat dem Rheinbund bei und wurde als Ludwig I.Großherzog. Auf dem Wiener Kongress trat er 1815 Westfalen an Preußen ab und erhielt das Fürstentum Isenburg-Birstein (Residenz: Offenbach am Main), v. a. aber Worms, Alzey und Bingen sowie 1816 die Festung Mainz (Provinz Rheinhessen).

Das Großherzogtum Hessen erhielt 1820 eine Verfassung, die unter Ludwig II. (1830–48) zwischen Reaktion und Fortschritt politisch umkämpft blieb, wobei der Erfolg von 1848 (Berufung H. von Gagerns) bald wieder der Restauration zum Opfer fiel, die Großherzog Ludwig III. (1848–77) und sein Minister R. von Dalwigk in Anlehnung an Österreich betrieben. Da das Großherzogtum im Deutschen Krieg von 1866 ebenfalls Österreich gefolgt war, musste es im Frieden von Berlin Hessen-Homburg und die Kreise Biedenkopf und Vöhl an Preußen abtreten und 1867 eine Militärkonvention mit ihm schließen. Trotz aller preußenfeindlichen Reaktionen war Hessen-Darmstadt schon 1828 dem preußischen Zollsystem beigetreten und schloss 1896 eine Eisenbahngemeinschaft mit Preußen.

Von den Nebenlinien Hessen-Darmstadts waren Hessen-Butzbach (1609–43) und Hessen-Braubach (1643–51) ohne Bestand, nur Hessen-Homburg (1622–1866) behauptete sich, fiel aber 1866 an Preußen. Die bedeutendste Persönlichkeit war Landgraf Friedrich II. (1680–1708), historisches Vorbild für H. von Kleists »Prinz Friedrich von Homburg«.

Volksstaat Hessen: Im Verlauf der Novemberrevolution in Deutschland setzten revolutionäre Truppen am 9. 11. 1918 Großherzog Ernst Ludwig (ab 1892) ab. Es bildete sich ein Arbeiter-und-Soldaten-Rat, der jedoch schon im Dezember 1918 einem »Volksrat für die Republik Hessen« wich. Am 12. 12. 1919 verabschiedete der im Februar 1919 als verfassunggebender Landtag gewählte Volksrat eine »Verfassung des Volksstaates Hessen«. 1919–31 war die SPD stärkste Partei des Landes und stellte mit Carl Ulrich (* 1853, † 1933; 1919–28) und Bernhard Adelung (* 1876, † 1943; 1928–31/33) den Staatspräsidenten; Zentrum und Deutsche Demokratische Partei (DDP) beteiligten sich an der Regierungsbildung. Separatistische Bestrebungen belasteten bis 1923 die Entwicklung des Landes. Nach den Landtagswahlen von 1931, bei denen die NSDAP die stärkste Partei im Volksrat wurde, amtierte die Regierung Adelung (u. a. Innenminister W. Leuschner) angesichts der parlamentarischen Pattsituation weiter, wurde jedoch 1933 im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltungspolitik verdrängt. 1935–45 unterstand das Land einem nationalsozialistischen Reichsstatthalter (Jakob Sprenger, * 1884, † [Selbsttötung] 1945). Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands im Mai 1945 ging der Volksstaat Hessen im neu gebildeten Land Hessen auf.

Land Hessen: Am 19. 9. 1945 vereinigte die amerikanische Militärregierung in Deutschland den größten Teil der ehemaligen preußischen Provinz Hessen-Nassau und des früheren Volksstaates Hessen zum Land »Großhessen« (später »Hessen«); einige nassauische Kreise (Unter- und Oberwesterwald, Unterlahn und Sankt Goarshausen) sowie die rheinhessischen Kreise (Bingen, Mainz, Alzey und Worms) fielen an das ebenfalls neu gegründete Land Rheinland-Pfalz. Am 1. 10. 1945 ernannte die amerikanische Militärregierung Karl Geiler (* 1878, † 1953) zum ersten Ministerpräsidenten. Am 1. 12. 1946 nahm die Bevölkerung in einer Abstimmung mit 76,8 % der gültigen Stimmen die Verfassung des Landes Hessen an; gleichzeitig fanden die ersten Landtagswahlen statt. 1949 wurde Hessen Land der Bundesrepublik Deutschland.

Das ehemalige Schloss der Herzöge von Nassau in Wiesbaden ist seit 1946 Sitz des hessischen Landtags
1946–74 war die SPD stärkste Partei im Landtag und besaß dort 1950–54 und 1962–70 die absolute Mehrheit. Sie stellte die Ministerpräsidenten: 1946–50 Christian Stock (* 1884, † 1967), 1950–69 G. A. Zinn, 1969–76 Albert Osswald (* 1919, † 1996) und 1976–87 H. Börner (1982–84 nur geschäftsführend); 1946–50 bildete sie eine Koalitionsregierung mit der CDU, 1954–66 mit dem GB/BHE (Gesamtdeutsche Partei/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) und 1970–82 mit der FDP; 1966–70 stellte sie allein die Regierung. 1974–83 und ab 1995 entsandte die CDU die stärkste Fraktion in den Landtag; 1982/83 war die FDP nicht im Landtag vertreten. Ab 1982 im Landesparlament, bildete die Partei Die Grünen – bundesweit erstmalig – 1985–87 mit der SPD unter Börner eine Regierungskoalition (erster »grüner« Minister Deutschlands: J. Fischer, Umweltressort). Nach dem Bruch der Koalition durch die Grünen war 1987–91 W. Wallmann (CDU) Ministerpräsident, gestützt auf ein Regierungsbündnis von CDU und FDP. 1991 kam es zu einer neuen Koalitionsregierung von SPD und Grünen (seit 1993 Bündnis 90/Die Grünen) unter H. Eichel (SPD), die nach den Wahlen von 1999 erneut von einer CDU/FDP-Koalition unter R. Koch (CDU) abgelöst wurde. Bei den Landtagswahlen 2003 errang die CDU die absolute Mehrheit der Mandate und bildete unter Ministerpräsident R. Koch eine Alleinregierung (bis 2008). Bei den Landtagswahlen im Januar 2008 verlor die CDU ihre absolute Mehrheit, blieb aber stärkste Partei. Der Versuch der SPD-Spitzenkandidatin A. Ypsilanti, eine von der Partei Die Linke tolerierte Minderheitsregierung aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen zu bilden, scheiterte, sodass R. Kochweiter geschäftsführend im Amt blieb. Bei Neuwahlen am 18. 1. 2009 erreichten CDU und FDP eine deutliche Mehrheit; Kochwurde erneut Ministerpräsident einer CDU/FDP-Koalition. Am 31. 8. 2010 trat Koch zurück, Nachfolger wurde der bisherige Innenminister V. Bouffier. Bei der Landtagswahl am 22. 9. 2013 wurde die CDU erneut stärkste Partei und bestätigte mit dem neuen Koalitionspartner Bündnis 90/Die Grünen am 18. 1. 2014 Ministerpräsident Bouffier in seinem Amt.Noch im 13. Jahrhundert wurde die heilige Elisabeth in Hessen zur Landespatronin, ebenso in Thüringen (Gedenkjahr 2007).

Werke

Weiterführende Literatur:

G. A. Zinn u. E. Stein: Verfassung des Landes Hessen, Loseblattsammlung (1963 ff.);
Reclams Kunstführer, Bd. 4: Hessen, bearbeitet v. G. Bott (51978);
Naturwunder Hessen, bearbeitet v. Hilmar Schmitt (Zürich 1978);
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Hessen, hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, auf zahlreiche Bde. berechnet (1982 ff.);
A. Brugger u. H. Sarkowicz: Hessen. Eine Landeskunde im Luftbild (1985);
Das Werden Hessens, hg. v. W. Heinemeyer (1986);
A. Pletsch: Hessen (1989);
Die Römer in Hessen, hg. v. D. Baatz u. a. (21989);
R. Wittig: Vegetationsveränderungen in Hessen (2000);
W. Müller: Naturerlebnis Hessen. Landschaft – Pflanzen – Tiere (2000);
G. Bauer u. a.: Die Geschichte Hessens. Von der Steinzeit bis zum Neubeginn nach 1945 (2002);
T. Haren: Der Volksstaat Hessen 1918/1919. Hessens Weg zur Demokratie (2003);
Hessen. Land u. Politik, hg. v. B. Heidenreich u. K. Böhme (2004);
H. Boehncke u. H. Sarkowicz: Die Geschichte Hessens (2010);
H. Dreßler: Die Spielregeln der Demokratie in den hessischen Gemeinden. 200 Jahre Magistratsverfassung (2010);
F.-L. Kroll: Geschichte Hessens (2010);
Staats- und Verwaltungsrecht Hessen, hg. v. T. Groß (32010);
40 Jahre Datenschutz in Hessen, hg. v. N. Kartmann u. M. Ronellenfitsch (2012).

 

Artikel aus der Brockhaus Enzyklopädie.

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