Engel

Engel [von griechisch ángelos »Bote«]in den Religionen Begriff, der Mittlerwesen zwischen der Gottheit und den Menschen bezeichnet. Die Engel sind ihrer Gottheit als höchste Stufe der Schöpfung in personaler Gestalt untergeordnet, beschrieben mit Licht-, Äther- oder Feuerleib. Mit der Bezeichnung »Engel« sind zum Teil auch widergöttliche, dämonische Mächte belegt; der jüdisch-christlichen Tradition gelten diese als gefallene Engel. In der Religionsgeschichte findet sich die Engelvorstellung v. a. in monotheistischen Religionen. – Der Engelglaube des Alten Testaments hat seine Ursprünge im altkanaanäischen Volksglauben, in babylonischen und spätiranischen (parsistischen) Vorstellungen und in fremden Gottheiten besiegter Völker. Engel traten auf als Boten und Söhne Gottes (z. B. 1. Mose 19, 1; Hiob 1, 6), als Heilige und Wächter (z. B. Daniel 6, 23), als himmlisches Heer (z. B. Psalm 103, 21) und als Helfer des Menschen (Schutzengel). Allmählich entstanden für einige Engel Namen: Michael, Gabriel, Raphael und Uriel. – Im Neuen Testament treten Engel hauptsächlich als Boten Gottes (Lukas 1, 26 u. a.), aber auch als böse Geister (z. B. Matthäus 25, 41) auf. In der Apokalypse des Johannes spielen Engel eine wichtige Rolle als Ausführer von Gottes Aufträgen. – Die traditionelle christliche Lehre von den Engeln (Angelologie)sieht in den Engeln geistig-personale Mächte und Gewalten, die Gottes Willen auf Erden vollziehen. Ihre Klassifizierung in eine dreistufige Hierarchie von neun Chören durch Dionysius Areopagita (Engel, Erzengel, Fürstentümer; Mächte, Kräfte, Herrschaften; Throne, Cherubim, Seraphim) ist willkürlich und theologisch-dogmatisch nicht verbindlich.

Der Putto als Engelsdarstellung erlebte in der Rokokokunst seinen Höhepunkt; hier ein weinender Putto in der Kathedrale Notre-Dame in Amiens (Frankreich).

Die Engellehre der katholischen Kirche kennt, neben den guten Engeln, auch böse Dämonen, die von Gott gut erschaffen worden sind, sich jedoch von ihm abgewendet haben und so verdammt wurden (2. Petrusbrief 2, 4; Judasbrief 6; Engelsturz; im Volksglauben gilt der »gefallene Engel« Luzifer als Fürst der Dämonen). Sie zählt die Erschaffung, die Geistigkeit und die allgemeine Schutzherrschaft der Engel zum Glaubensgut. Dagegen gilt die Auffassung, dass jeder Christ einen eigenen Schutzengel hat, nur als sichere theologische Meinung. Die katholische Kirche billigt den Engeln einen relativen Kult zu. Diese Engellehre wurde auf dem 4. Laterankonzil (1215) entwickelt und in der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils bestätigt (»Lumen Gentium« 1964, Artikel 49 und 50). In den Ostkirchen ist der Glaube an Engel und ihre Einwirkung stark ausgeprägt. Die Engel zelebrieren die »himmlische Liturgie« (Jesaja 6). Evangelische Kirchen: Im Altprotestantismus galten die Engel dem biblischen Text folgend als Gegenstand der Besinnung auf Gottes Fürsorge, doch waren sie ohne Bedeutung für die Vermittlung des Heils. Die heutige evangelische Theologie versteht die Engel zum einen, darin weithin dem in der Aufklärung wurzelnden neuzeitlichen Weltbild folgend, mehr im Sinne mythischer Vorstellungen, hat sie allerdings auch – besonders in jüngerer Zeit, u. a. in der Seelsorge –  als Exponenten der im Wort Gottes gegebenen, über ein reines Diesseitsverständnis hinausweisenden Seins- und Erfahrungsdimension christlichen Lebens theologisch »neu-« beziehungsweise »wiederentdeckt«.

Domenico Piola (1627-1703): »Schutzengel« (Moskau, Puschkin-Museum)

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In der Religionsgeschichte werden Engel auch als seelische Manifestationen einer Gottheit oder eines Menschen angesehen. Im Parsismus wird der Gott Ahura Masda ursprünglich von sieben ihm dienenden Geistern, personifizierten Idealen (den Amescha spentas), umgeben gedacht; die spätere Lehre stellte den Engeln böse Dämonen entgegen. Die christlich und jüdisch geprägte Engelslehre im Islam kennt Gott lobpreisende und ihm in Gehorsam dienende Engel; die Hölle wird von 19 Engeln bewacht. An der Spitze der Engel steht der Erzengel Gabriel (arabisch Djabrail oder Djibril), von dem Mohammed seine Sendung und die Offenbarung Gottes empfing und der ihn durch die sieben Himmel führte (Himmelsreise Mohammeds); neben ihm drei weitere Erzengel: Michael (arabisch Mikail), der Herr der Naturkräfte, Israfil, der beim Jüngsten Gericht die Posaune blasen und am Auferstehungstage die Toten wiederauferwecken soll, und der Todesengel Izrail, der in der Todesstunde zu den Sterbenden kommt und ihre Seelen zur Prüfung in den Himmel bringt.

Schon in frühchristlicher Zeit wird der Engel in der bildenden Kunst dargestellt – erst flügellos und als Mann, ab dem 4. Jahrhundert nach dem Vorbild antiker Viktorien und Genien geflügelt, im Gegensatz zu diesen aber voll bekleidet; seine Attribute sind Nimbus und Zepter oder Buchrolle. Die Engel sind meist weiß gewandet; in der byzantinischen Kunst und danach in der abendländischen Kunst tragen sie auch Hoftracht (Purpurmantel über hellblauem Untergewand und rote Schuhe). Etwa seit dem 6. Jahrhundert werden Engel mit sechs Flügeln (Cherubim) dargestellt, zwei und mehr Flügel (oft mit Augen besetzt) haben die Seraphim, die auch nur als Kopf mit Flügeln dargestellt werden. Die mittelalterliche Malerei und Plastik schuf zahlreiche jugendliche Engelsgestalten in der Tracht von Diakonen als Assistenzfiguren. Den neuen Typus des Kinderengels entwickelte die Kölner Malerei des 12. und 13. Jahrhunderts (seit der Spätgotik auch gefiederte Flügel). Ihm ähnlich ist der antike Putto, den die Renaissance zum engelhaften Wesen umdeutete. Diese Epoche nahm auch wieder das Vorbild der antiken Viktorien und Genien auf. Halb bekleidet erscheint der Engel v. a. im Barock und Rokoko, zuweilen gleicht er der Gestalt des Amor. Eine tiefer gehende gestalterische Auseinandersetzung mit dem Wesen des Engels zeigt sich bei Rembrandt. Im 19. Jahrhundert erscheinen Engel u. a. in den Bildern der Nazarener. Besonderer Beliebtheit erfreute sich das Motiv des Schutzengels. Im 20. Jahrhundert wurden Engel u. a. von E. BarlachM. Chagall und P. Klee dargestellt. Als Einzelgestalt findet sich in der Kunst besonders Gabriel als Engel der Verkündigung, in der deutschen Kunst Michael, in der italienischen Kunst Raphael als Schutzengel. (Engelskonzert)

Werke

Weiterführende Literatur:

P. Schäfer: Rivalität zwischen Engeln u. Menschen. Untersuchungen zur rabbinischen Engelvorstellung (1975);
G. Adler: Erinnerungen an die Engel (1992);
A. Rosenberg: Engel u. Dämonen. Gestaltwandel eines Urbildes (31992);
Engel, bearbeitet von P. L. Wilson (aus dem Englischen, Neuausgabe 1996);
H. Krauss: Kleines Lexikon der Engel (2001);
C. Westermann: Gottes Engel brauchen keine Flügel (82001);
Das große Buch der Engel, hg. v. U. Wolff (32002);
W. Carr: Angels and principalities (Cambridge, Neuausgabe 2008);
H. Vorgrimler: Wiederkehr der Engel: ein altes Thema neu durchdacht (22008);
U. WolffAlles über Engel und Dämonen: ein himmlisches Wörterbuch (2009).

 

Artikel aus der Brockhaus Enzyklopädie.

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